Palmsonntag, Lesejahr B

05.04.2009



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Einleitung in die Eucharistiefeier

Wir stehen vor unserer Kirche, um gemeinsam die Feier der heiligen Woche zu beginnen.
Mit Jesus zusammen gehen wir den Weg von den Toren Jerusalems bis hin zum Kreuzweg
vom umjubelten Empfang zum schändlichen Tod am Kreuz.
Wir erinnern an die großen Geheimnisse des Glaubens und bitten darum, dass sie uns innerlich bewegen und verändern und zu Menschen machen, die das neue, österliche Leben aufnehmen und daraus leben können.

Zweite Lesung (Phil 2, 6-11 )

Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt: „Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

Predigt/Ansprache

Warum können die Menschen heute Gott nicht mehr von Angesicht zu Angesicht sehen?
Auf diese Frage gab ein Rabbi seinem Schüler eine ganz kurze Antwort: Weil sich heute niemand mehr so tief bücken kann.
Sich tief bücken - mir fällt der Straßenkehrer ein, der jeden Morgen vor meinem Zimmer in Wien dem Bürgersteig entlang ging und den Straßenrand vom Dreck säuberte, den die anderen einfach hingeworfen hatten.
Ich denke an unseren Mesner, der gestern sich tief bücken musste und mit einem Schaber, den Kaugummi entfernen musste, den einer von euch auf den Boden ausgespuckt hatte.
Ich denke an die Personen, die Nacht für Nacht die stinkigen und verdreckten Toiletten reinigen. Da muss man sich manchmal ganz tief bücken, nicht nur im Rücken, nein: auch innerlich muss man sich ganz tief bücken und erniedrigen, um diese Arbeit leisten zu können: den Dreck der anderen wegzuräumen.
Diese Beispiele machen anschaulich und deutlich, was Paulus in seinem alten Christuslied, das wir als Lesung gerade gehört haben, über Jesus sagt; Er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.
Für mich heißt das: Jesus hat sich ganz tief gebückt, ganz tief hinunter ins schlimmste Elend hinein, um den Dreck wegzuräumen, den wir hinterlassen durch unsere Schludrigkeit, durch unser bewusstes Bös-sein, durch unser Versagen.
Es war keine kurze Verneigung mit dem Kopf, keine kurze Höflichkeitsgeste wie beim Danke sagen, sondern eine echte tiefe Erniedrigung von oben nach unten und zwar in seiner erbärmlichsten Form: er wurde wie ein Sklave. Am Anfang der Stall. Am Ende der Galgen. Zwischen diesen beiden Polen hat Jesus seine Erniedrigung durchlebt.
Die Tage in dieser Woche zeichnen diesen Weg nach: mit dem Hosanna - Rufen wird er wie ein König begrüßt und sein Weg führt dorthin, wohin man mit dem Schrei Kreuzige ihn! die Verbrecher hinaus stößt. Dieser Weg Jesu ist wirklich ein Weg der Sich ganz tief Bückens.

Es ist kein schöner Weg, vielmehr abstoßend. Wer möchte das schon, sich selbst erniedrigen, um den Dreck der anderen weg zu machen? Wir wollen doch alle groß raus kommen und toll dastehen. Aber mit den Augen Gottes gesehen, steht der, der solchen Weg geht, nicht unten, sondern oben, ganz oben: Darum hat Gott ihn erhöht, damit alle ihre Knie beugen und bekennen; Herr ist Jesus Christus.
Es will unseren Denken nicht einleuchten, dass dies ein Weg zum Heil und zur Vollendung sein soll: sich ganz tief bücken. Aber weil Jesus seinen Rücken unter das Kreuz beugte wurde unser krummes Leben wieder aufgerichtet. Gerade weil er sich die Finger schmutzig machte, wurden wir vom Dreck unserer Sünde gereinigt. Sich ganz tief bücken: in dieser Haltung hat der Herr die Welt erlöst.
Wir sind eingeladen, nicht nur in der Karwoche, diesen Weg, den Jesus vorausgegangen ist, nachzugehen: das könnte für uns bedeuten: den ersten Schritt zu einer Versöhnung zu machen, einen Neuanfang zu ermöglichen, dem anderen zu vergeben, selbst dann wenn ich das Recht hätte, auf meinem Standpunkt zu beharren.
Das könnte bedeuten zum anderen zu halten und ihn nicht zu blamieren, in seinen Schwächen zu ertragen, sich weiterhelfen zu lassen, weil ich noch nicht fertig bin. Wo das geschieht, da werden Schritte zum Heil getan, da wird ein Stück Erlösung erfahren, die Jesus gewirkt hat durch das sich ganz tief bücken.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael