Allerheiligen, Lesejahr C

01.11.2007



Einleitung in die Eucharistiefeier

Heute feiern wir ein frohes Fest: das Fest aller Heiligen.
Ein Feste für alle ist es, für bekannte und unbekannte Heilige.
Zu manchen von ihnen haben wir vielleicht eine besondere Beziehung, etwa weil wir ihre Fürsprache erfahren haben oder weil die Haltung eines Heiligen für uns zu einem Vorbild geworden ist. Die Heiligen haben Licht in die Welt gebracht.
Gottes Liebe leuchtet durch sie auf.
Wir verbinden uns heute mit ihnen, mit all den Menschen, die Gott vertraut haben, die sich von ihm geliebt wussten, die für andere heilsam waren.
Allerheiligen feiern wir das Fest der Liebe Gottes in Verbundenheit mit Jesus und mit allen, die schon ganz in der Geborgenheit Gottes leben.

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 1-12a )

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte:
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.

 

Predigt/Ansprache

In Albert Camus Roman Die Pest unterhält sich der Arzt Rieux mit seinem ebenfalls gegen die Pest kämpfenden Freund Tarrou über die Heiligkeit.
Obwohl Tarrou nicht an Gott glaubt, möchte er wissen,
wie man ein Heiliger wird:
Kann man ohne Gott ein Heiliger sein,das ist das einzig wirkliche Problem, das ich heute kennen.
Der gleichfalls atheistische Arzt Rieux bekennt von sich:
Aber wissen Sie,ich fühle mich mit den Besiegten enger verbunden als mit den Heiligen.
Ich glaube,dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde.
Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.

Ich finde: das waren Heilige zuerst: ganz normale Menschen, sozusagen wie du und ich:
Grübler, Pingelige, Zweifler, Aufbrausende, manchmal sogar schwierige Zeitgenossen.
Sie waren auch nicht von Geburt an heilig; sie wurden es erst im Laufe eines langen Lernprozesses.
Manchmal hat man erst viel später erkannt, dass dieser oder jener Mensch heilig war,
heiligmäßig gelebt hatte.
Das Wort heilig hat es mit dem Wort heil, heilen, geheilt zu tun.
Das bedeutet so viel: dieser Mensch ist ganz, gesund und authentisch.
Heilige sind Menschen, die nicht zwiespältig sind, mal so, mal so, so reden und so handeln, sondern ganz, ungeteilt, konsequent.
Sie haben sich ganz auf Gott gestellt in ihrem Glauben und Leben; sie wussten, dass der Glaube Konsequenzen hat und waren bereit, sie zu ziehen.
Sie waren keine moralischen Kraftmeier und keine frommen Superstars, sondern „normal" Menschen.
Vor allem waren sie getroffen und ergriffen von der Freundschaft zu Jesus.
Er hat sie total erfasst.
Auf diesen einzigen Punkt ist ihr Leben fixiert; an ihn haben sie ihr Leben, ihre Kraft und ihre Liebe verschwendet.
Ein Franz von Assisi war fasziniert von der Braut Armut
Elisabeth von Thüringen sah in jedem Notleidenden den verborgenen Jesus.
Und Franz von Sales versuchte, Humanität und Humor als Zeichen eines menschlich ausgereiften Christseins zum Strahlen zu bringen.
Das Leben aller Heiligen kreist um die eine Mitte: die Botschaft des Jesus von Nazareth ist die Botschaft von der Liebe Gottes.
Diese Botschaft spiegeln sie wieder in vielen bunten Farben.
Das weiße Licht des Evangeliums bricht sich in ihren originellen Lebensformen, gestaltet sich aus in einem weiten Spektrum.
In ihrem Leben erklingt die Melodie des Evangeliums, während das Evangelium selbst die Partitur ist, so hat es Franz von Sales formuliert.
Erfasst von der Botschaft Jesu zeigen die Heiligen, dass das Leben mit seinen Begabungen und Begrenzungen, mit seinen großen und kleinen Freuden, aber auch mit seinen Belastungen und seelischen Störungen gelingen kann.
So hilft uns der Blick auf die Heiligen, die Seligpreisungen neu zu bedenken.
Sie sind ja keine Appelle, besondere Anstrengungen zu machen, sondern grundlegende Aussagen für jene, die von der Botschaft des Evangeliums bewegt werden sollen.
Selig sind, denen wirklich aufgegangen ist, dass sie vor Gott mit leeren Händen stehen und alles von ihm erwarten dürfen.
Selig die, die an der Ungerechtigkeit der Welt leiden und mit ihrer kleinen Kraft helfen wollen, diese zu beseitigen.
Selig die traurig sind, dass sie sich zuwenig von Gottes Geist durchdringen lassen und so Gottes Güte kaum aufstrahlen lassen.
Selig die, die trotz Widerstand ihrem Gewissen folgen und nicht durch Kompromisse und Anpassung lösen wollen.
Heilige sind Menschen, die von Gottes Geist erfasst sind und deswegen auf andere heilsam wirken können.
Menschen, die auf diese Weise Christen sind, gehören Gott sei Dank nicht der Vergangenheit an.
Eltern, die mit ihrem Kind abends beten; Menschen, die einen Kranken und alten Angehörigen zu Hause pflegen,
der Christ, der Sonntag für Sonntag den Gottesdienst seiner Gemeinde mitfeiert,
jemand der in einer Sozialeinrichtung arbeitet und der Liebe Christi ein eigenen Gesicht gibt,
eine Sekretärin, die bei aller Hektik freundlich bleibt,
der Arbeiter, der aufmerksam und exakt die Schrauben festdreht - sie alle sind lebendiges Evangelium und strahlen aus.
Unsere Mitmenschen erwarten keine frommen Ansprachen; sie sind der großen Worte müde.
Gefragt ist ein glaubwürdiges, persönliches Wort von Mensch zu Mensch:
Woraus lebe ich? Was lässt mich hoffen?
Warum bin ich Christ und warum bleibe ich es?
Dort wo ein Christ jemanden in sein Herz schauen lässt, geschehen auch heute noch Wunder:
sie lassen aufhorchen, wenn sie mitten im Alltag Profil zeigen, unaufdringlich aber erkennbar,
selbstbewusst aber demütig.
Auch wir sollen dem Evangelium unsere Gestalt und unser Gesicht geben.
Sieht man uns an, dass der Glaube Kräfte in uns freisetzt und unser Leben keinesfalls verkümmern lässt, sondern bereichert?
Sind wir des Glaubens froh, dass es uns drängt, ihn weiterzusagen, wie wenn wir jemandem einen wichtigen Tipp zu leben geben?
Sind unsere Gemeinde Lernorte des Christwerdens aus Einsicht und Entscheidung?
Wir schulden der Welt das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen, nicht mehr und nicht weniger! Es geht um Heil und um Unheil, das erfahren wird, erlebt wird.
Gott gilt es zu bezeugen auf sehr menschliche Weise.
Es ist jener Gott, von dem es heißt, dass er den glimmenden Docht nicht löscht und das gebrochene Rohr nicht bricht. (Jes 42, 3)
Alexander Solschenizyn hat in einem seiner Romane eine verborgene Heilige beschrieben
und auf ihre Funktion für andere Menschen hingewiesen:
Unverstanden, alleingelassen sogar von ihrem Mann, hatte sie sechs Kinder begraben,ihr hilfsbereites Wesen aber nicht eingebüßt,ihren Schwestern und Schwägerinnen fremd,eine lächerliche Person, die dumm genug war, für andere ohne Entgelt zu arbeiten,hatte sich am Ende ihres Lebens keinen Besitz erspart...
Wir alle haben neben ihr gelebt und nicht begriffen,dass sie jene Gerechte war,ohne die, wie das Sprichwort sagt, kein Dorf bestehen kann.Und keine Stadt. Und auch nicht unser Land.
An solchem Heldentum und an solcher Heiligkeit finden wir kaum Geschmack, es bleibt uns zu menschlich.
Auch wenn wir alle glücklich sind, wenn wir „Mensch" sein dürfen und es wohltuend ist,
wenn uns andere wirklich menschlich begegnen.
So sollen auch wir das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen und wirklich zu Menschen zu werden.(vgl. H. Hesse)
Sie werden die Gerechten sein, ohne die kein Dorf, keine Stadt und kein Land bestehen Kann.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten


Gott allein ist ganz heilig.
Auf dem Weg zum Heil sind wir auf seine Hilfe angewiesen.
Voll Vertrauen beten wir zu ihm:


+ für jene, die der Heilung bedürfen:
für die Kranken, die Notleidenden und die Trauernden ...

Herr, erbarme dich ... Herr, erbarme dich ...

+ für jene, die sich bemühen, in der Nachfolge Christi zu leben:
für die Verkünder der Frohen Botschaft,
für die Missionare und Ordensleute,
für die ehrenamtlich Tätigen in unseren Gemeinden ...

+ für alle, die mit Liebe und Verständnis für andere da sind:
in der Seelsorge und allen Betreuungsangeboten,
in der Pflege alter und kranker Menschen ...

+ für jene, die für Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen arbeiten
und sich beständig engagieren:
für die Politiker und Diplomaten,
für die Entwicklungshelfer und für alle, die sich
für die Menschenrechte einsetzen ...


+ für unsere Verstorbenen,
die auf Gott ihre Hoffnung gesetzt haben ...

Barmherziger Gott, mit allen Heiligen,
die du uns als Vorbilder geschenkt hast, loben und preisen wir dich jetzt und in der Ewigkeit. amen