Allerheiligen, Lesejahr C

01.11.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wir wären nicht zur Eucharistie versammelt, wenn wir nicht den Glauben von anderen Menschen empfangen hätten. Menschen, deren Worte und Taten uns Zeugnis gegeben haben vom Gott Jesu Christi. Jede und jeder von uns hat persönliche solche Zeugen erlebt: die eigenen Eltern, Verwandte und Freunde, Erzieherinnen und Lehrer;
ohne sie und ohne Prägung durch sie wäre manches anders verlaufen.

Darüber hinaus gibt es Männer und Frauen, deren Leben für die ganze Kirche als leuchtendes Vorbild im Glauben dasteht. All diese Menschen, die von der Kirche heilig gesprochenen ebenso wie unsere persönlichen Vorbilder, werden am Allerheiligentag in Blick genommen.

Dieser Tag freilich blickt nicht nur zurück, er erinnert uns auch an den hohen Auftrag, der im Evangelium an uns ergeht. Denn die Menschen vor uns, die ihr Leben vom Glauben her prägen ließen, zeigen, dass Christentum keine Utopie oder Schwärmerei ist, sondern konkretes Lebensprogramm.

So ruft uns das Fest Allerheiligen auf, unser Leben neu auszurichten an der Botschaft des Heiles. Den, der Ziel unseres Lebensweges ist und Vorbild, rufen wir um Erbarmen an...

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 1-12a )

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie. Er sagte:
Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.

 

Predigt/Ansprache

Heiligkeit hat nicht gerade den besten Geruch: Weihrauch steigt in die Nase und Vergoldung sticht ins Auge. Jene, die wir Heilige nennen, scheinen uns reichlich abgehoben. Fern von unserem Leben, frei von unseren Fehlern, unberührt von unseren Lastern.
Was unsre eigene Negativliste anlangt, neigen wir einerseits ja zum Verharmlosen: ein Laster hat doch jeder, sagen wir beispielsweise.
Und andererseits sind es ja die anderen, die ungerecht sind, verkommen und böse.
Hand aufs Herz! Dem Apostel Paulus stimmen wir schnell zu, wenn er im Römerbrief schreibt: Ich begreife mein eigenes Handeln nicht... Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will.
Das liegt am Sammelsurium von Schwächen und Fehlern, das in unserem inneren Bereich den Ton angibt. Da ist die Angst, von etwas Wichtigem ausgeschlossen zu sein oder außen vor zu bleiben und die damit verbundenen oft hinterhältigen Tricks, das zu verhindern.
Da ist das Bedürfnis nach Beachtung das uns dazu bringt, bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten uns in die Mitte des Interesses zu spielen. Da ist der Ehrgeiz, verbunden mit Rechthaberei, der uns zwingt, auf unsere Umgebung nicht wirklich einzugehen, sondern nur so zu tun. Da ist der Versuch, Macht über andere auszuüben, und wäre es nur, in dem wir andere daran erinnern, wie dankbar sie uns sein sollten.
Da ist der Wille, anderen ein schlechtes Gewissen zu machen, um sie klein zu halten.
Da sind die Gefühle des schwelenden Hasses, die wir in uns wuchern lassen und die dann ganz seltsame Blüten treiben in der Gestalt von Schadenfreude.
Und den größten Schaden richtet vermutlich unsere egoistische Brille an, unter deren Sicht wir andere beäugen, beurteilen und verurteilen.
Der einzige Trost in dieser langen Liste ist der, dass es den anderen genauso wie uns geht, dass sie eben auch keine Heiligen sind.
Nicht einmal die Weltverbesserer sind es, die schon deshalb häufig so viel Unheil anrichten, weil sie durchsetzen, was sie für gerecht halten und keine Augen dafür haben, was anderen wirklich gerecht wird.
Dagegen gilt es vorzugehen! Entweder - und das ist die Versuchung aller Religionen - durch enge Gesetze und Gebote um auch das letzte bisschen Freiheit zu kanalisieren; dann ist der Mensch kein Mensch mehr. Oder durch die Flucht in die Scheinheiligkeit. Man tut so, als wollte man das Beste für den anderen und versteckt dahinter die eigenen Machtgelüste oder die eigene Lieblosigkeit. Bleibt schließlich noch, Gott selber zu bestechen, wie es in einem bekannten Trinklied heißt: Wir sind doch alle kleine Sünderlein! Der liebe Gott wird schon ein Auge zudrücken, trällert man, falls es nicht gar zu dick kommt.
Was bleibt wirklich? Auf die Gnade Gottes hoffen? Das will uns allerdings auch nicht so sehr schmecken. Schließlich war unsere Generation es, die das Recht des Menschen auf etwas entdeckt hat: beim Recht auf Selbstbestimmung angefangen, über das Recht auf freie Meinungsäußerung, bis zum Recht auf meinen Bauch, auf Arbeit oder einen Kindergartenplatz und so weiter. Wie gesagt: Gnade vor Recht, das passt uns nicht.
Wie ist dann die Rechtfertigung vor Gott durch Jesus Christus zu verstehen?
Sein Leben auf dieser Erde, sein Tod für uns müssen doch in dieser Richtung einen Sinn machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesu Leiden und Tod nötig waren, um Gott mit den Menschen auszusöhnen. Eine Vorstellung, die ja oft gepredigt wurde, die für mich deshalb nicht wahrer oder vorstellbarer wird.
Ich denke, wir müssen den Gedankengang umkehren. Anstatt ständig nur zu fragen: was bedeutet Gott für den Menschen? sollten wir fragen: Was bedeutet der Mensch für Gott? Wenn wir für ihn keine Bedeutung hätten, würde die Menschwerdung seines Sohnes keinen Sinn machen. Wenn wir bei diesem Gedankengang bleiben, dann bedeutet Rechtfertigung durch Jesus Christus nicht nur, dass Gott uns annimmt, sondern dass die menschliche Natur die Fähigkeit in sich trägt, Gott in sich aufzunehmen.
An dieser Möglichkeit, Gott in sich aufzunehmen, scheiden sich die Geister: Möglichkeit ist kein Muss, ist kein Zwang. Damit kommt in das Wort Heiligkeit ein neuer Klang: Heilige können wir jene Menschen nennen, die ihre Berufung, Gott in sich aufzunehmen und in sich wirken zu lassen, zu ihrer Lebenshaltung gemacht haben. Wo das geschieht, lässt sich das ablesen an Taten der Aufmerksamkeit, der Liebe und der Gerechtigkeit.
Gott in sich aufnehmen und in sich wirken lassen, das lässt sich ablesen. Der Apostel Paulus hat einmal an die Gemeinde von Korinth geschrieben:
Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi... geschrieben nicht mit Tinte und auf Tafeln, geschrieben vielmehr mit dem Herzblut eures Lebens...
Daran wird sich ablesen lassen, wes Geistes Kinder wir sind, wo unser Herz schlägt und für wen. Kann man an uns ablesen, dass wir ein Brief Christi sind, geschrieben heute für Menschen von heute? Sind wir, wie wir sind, Heilige, die etwas aufleuchten lassen? Oder wenigstens auf dem Weg dorthin?

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Lasst uns beten zu Gott, der das Leben liebt und der die Menschen beruft, für seine Liebe Zeugnis zu geben.


* für die Christen in den Ländern, in denen es gefährlich ist, sich zu unserem Glauben zu bekennen...

Herr, erbarme dich ... Herr, erbarme dich ...

* für die Politiker, deren Entscheidungen Wohlergehen oder Leid auf viele Menschen bringen können...

* für die Menschen, die in großer Angst leben; für die Opfer von Terror und Krieg...

* für die Kleinen und Stillen, die ihre Pflicht tun, auch wenn es schwer fällt; für alle, denen Unrecht geschieht, gegen das sie sich nicht wehren können...

* für unsere Verstorbenen, deren Zuneigung und Liebe wir erfahren haben; für alle, die der Barmherzigkeit bedürfen...

Gott unser Vater, dein Sohn hat uns die Hoffnung geschenkt, dass wir zusammen mit allen Heiligen in deinem Reich Aufnahme finden, wo wir dich preisen in alle Ewigkeit. Amen

Segensgebet

Selig, die mit guten Augen sehen, ihnen müssen später die Augen nicht aufgehen.
Selig, die den ersten Schritt tun, sie werden offene Türen finden.
Selig, die zuhören können, sie werden Lösungen finden.
Selig, die sich Zeit für andere nehmen, sie werden ihre Einsamkeit überwinden.
Selig, die ihre Vorurteile aufgeben, sie werden Feindschaften abbauen.
Selig, die auf Ansehen verzichten, sie werden Freunde finden.
Selig, die Niederlagen einstecken können, sie werden Brücken bauen.
Selig, die zuerst mit sich selbst ins Gericht gehen, sie dürfen auf die Vergebung Gottes bauen.
Selig, die für andere ein Segen sind, ihnen gehören Erde und Himmel.
Der Segen Gott, der Leben schafft, gehe mit euch durch alle Dunkelheiten.
Das Licht Gottes, der das Leben erhält, erhelle die Traurigkeiten so vieler Menschen unter uns.
Die Nähe Gottes, der das Leben heilt und heiligt, führe uns zum Leben der Fülle.
So segne uns ....