2. Advent, Lesejahr C

07.12.2003



Einleitung in die Eucharistiefeier

Eine der großen Adventgestalten ist Johannes der Täufer.
Dieser Mann, der seinen Zuhörern mit dem kommenden Gericht droht, paßt allerdings nicht zu unserer Art, Advent zu feiern: gemütlich und lieblich. Zu hart sind nach wie vor seine Worte.
Gerade deswegen bleibt er wichtig für uns, weil er uns davor bewahren kann, vor lauter schöner Stimmung den Ernst dessen zu übersehen, was wir an Weihnachten feiern.
In unserer Welt ist vieles nicht in Ordnung: damit Gott in ihr, in uns ankommen kann, ist nicht nur Garderobenwechsel nötig, sondern Gesinnungsänderung. Es bedarf einer echten Umkehr: hier und jetzt am Beginn dieser Feier, in diesen Wochen vor den Festtagen, in dieser Weltzeit, im Blick auf das endgültige Kommen unseres Herrn in Herrlichkeit.
Dem Herrn wenden wir uns zu, wenn wir umkehren. Ihn rufen wir um Erbarmen an...

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 3. 1-6)

Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.
Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.
(So erfüllte sich,) was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: / Bereitet dem Herrn den Weg! / Ebnet ihm die Straßen!
Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, / jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, / was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.
Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.

Predigt/Ansprache

Weihnachten hat eine eigentümliche Faszination. Viele hoffen insgeheim: die alte Vertrautheit mit dem Fest und untereinander möge sich wieder einstellen. Die Botschaften der Politiker werden wieder das Bild einer großen Familie entwerfen, in der alle gleichberechtigt sind und niemand an den Rand gedrängt wird. Auch der Papst wird so sprechen und sein Segen wird gelten urbi et orbi, der Stadt Rom und dem ganzen Weltkreis, denn die gesamte Welt soll erfüllt werden vom Frieden.
Ist diese Faszination nur ein Wunschtraum, der an der Härte der Realität zerbricht? Sind die Wünsche nach Frieden eine Flucht vor den unbequemen Tatsachen, die uns überdeutlich ins Auge springen? Wir erleben doch täglich den Kampf der widerstreitenden Interessen der einzelnen, der Gruppe und Verbände oder ganzer Völker und Machtblöcke.
Wir sehen überall die Reihen der Flüchtigen und der Vertriebenen.
Und dennoch bleibt jene Wahrheit gültig, die sich besonders gern an Weihnachten aufdrängt: es gibt nur eine einzige Menschheit und niemand darf ausgeschlossen werden, jeder hat dasselbe Heimatrecht.
Die Zerrissenheit ist nicht der normale Zustand. So ist unsere Vision. Der Prophet Baruch sprach in der Lesung von einem Jerusalem, in dem alle Heimatrecht haben und in das die Vertriebenen und Weggezogenen zurückkehren können.
Er verfiel nicht in Resignation und kleinlautes Lamentieren. Unbeirrt setzt er die Welt wieder zusammen und läßt Zertreute wieder zur Einheit zurückfinden. Der Traum und die Hoffnung auf Einheit sind stärker als Enttäuschung oder gar Verzweiflung angesichts der bitteren Erfahrung der Wirklichkeit.
Was hat das mit dem Glauben zu tun? Geht es hier nicht um Politik oder um langwierige diplomatische Verhandlungen, um allem Interessen gerecht zu werden?
Geht es hier nicht um verantwortlichen Umgang mit der irdischen Macht, die für und nicht gegen die Interessen der Menschen einzusetzen ist?
Sicherlich! Und dennoch sind alle menschlichen Anstrengungen so begrenzt und so sehr vom Scheitern begleitet, dass Baruch die entscheidende Wende zum Guten von Gott erwartet.
Gott wird es sein, der heimführt in die Freude, denn Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.
Unsere Geschichte, zu der in entsetzlichem Ausmaß Krieg und Terror und deren Folgen gehören, ist unser eigenes Werk: ein schreckliches Gemisch aus berechtigten Interessen und folgenschweren Mißverständnissen, aus Schuld und unbestreitbar gutem Willen.
Welchen Sinn hat es da, von Gott zu erwarten, woran die Vereinten Nationen täglich scheitern?
Wir müssen zugeben, dass tief in uns drinnen die Angst sitzt, der andere könnte uns bedrohlich werden. Solche Angst ist nur teilweise zu überwinden durch Argumentieren, durch gutes Zureden oder durch konkrete Zusammenarbeit. Von Angst muss erlöst werden, damit sie ihre gefährliche, weil unberechenbare Kraft verliert.
Das Vertrauen auf einen Gott, der alles umfaßt, ist es letztlich, das das eigene Herz so weit werden läßt, auch andere und anderes dort seinen Platz findet. Anderes: das sind unsere eigenen dunklen Schatten, die wir gern überspielen oder verharmlosen; das sind fremde Menschen mit ihren anderen Lebensgewohnheiten, das sind ungewohnte Gedanken und Meinungen, die uns irritieren.
Wer hier ein offenes Herz hat, so meint der Prophet Baruch, wird erleben, dass Trauer, Elend und Zerrissenheit aufhören, weil es eine Freude ist, Anderes nicht ängstlich vertreiben zu müssen, sondern als Bereicherung in das eigene Leben aufnehmen zu können.
Sich im Advent vorzubereiten auf den Frieden und die Gemeinschaft von Weihnachten, ist daher vor allem eine Frage nach der Kraft und der Zuversicht unseres Glaubens. Und es ist eine Frage, ob dieser Glaube sein Vertrauen nach aussen kundtut, indem er Verständnis entwickelt für das Andere und Fremde und sich um Verständigung bemüht, wo Streit, Diffamierung und Aggression das Feld beherrschen.
Bis nach Weihnachten, dem echten, ist da noch ein langer Weg.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael