5. Fastensonntag, Lesejahr C

27.03.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wir haben die Zeit der heiligen vierzig Tage fast durchschritten.
Tage der Erinnerung, in denen wir angesichts des kommenden Osterfestes Hausputz der Seele halten.
Tage der Vertiefung, in denen wir uns von Gott her wieder stärker als Christen gestalten lassen wollen, als Menschen, die darum wissen, dass sie auf Gottes Erbarmen angewiesen sind. Den Herrn dürfen wir hier nahe wissen.
Ihn ehren wir mit dem Ruf um Erbarmen...

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 8,1-11 )

In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg.
Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?
Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie hartnäckig weiter fragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Predigt/Ansprache

Es gibt so viele hungernde Menschen auf der Welt, dass Gott nur in der Gestalt von Brot kommen kann.
So lautet ein Wort von Mahatma Gandhi. Mit dieser Aussage hat der Nicht-Christ Gandhi, der wöchentlich die Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt las, etwas Tiefes erfaßt, das uns helfen kann, Gott und Jesus besser zu verstehen.
Wenn wir uns die aktuellen Zahlen der hungernden Menschen vor Augen halten, dann müssen wir seiner Einschätzung zustimmen: Es gibt so viele hungernde Menschen, dass Gott nur in der Gestalt von Brot kommen kann.
830 Millionen Menschen weltweit leiden Hunger. Wer ständig unfreiwillig hungert, wird anfällig für Krankheiten, Infektionen: schwangere Frauen, die an Mangelernährung leiden, stehen in Gefahr, ein geschädigtes Kind zur Welt zu bringen. Die Risikoschwangerschaft in den armen Ländern liegt zu 6oo Mal höher als in den Industrieländern.
830 Millionen Menschen weltweit leiden Hunger. Aber eigentlich müßte niemand an Hunger leiden und sterben. Hungerkatastrophen sind meist menschengemacht.
Die Nahrungsmittel reichen eigentlich für alle. Nur die ungerechte Verteilung der Güter, die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts fordern ihren mörderischen Zoll.
Es gibt so viele hungernde Menschen auf der Welt, dass Gott nur in der Gestalt von Brot kommen kann. Bei diesem Wort kann man die Bedeutung von Hunger noch einmal weiter fassen.
Wir sprechen davon, dass Menschen nach Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung hungern.
Es gibt genug Länder, in denen Gewalt, Terror oder Verfolgung an der Tagesordnung stehen:
Palästina, Irak, Afghanistan, Indonesien, Kongo und Nigeria, Kolumbien und viele andere Länder mehr.
Wir denken an Menschen, die in ihrem Leben gescheitert sind. Sie hungern nach einer fairen Chance und hoffen auf einen neuen Anfang. Beispielhaft erzählt das heutige Evangelium von einer Frau, die beim Ehebruch ertappt worden ist und der von Jesus ein Neuanfang ermöglicht wird.
Und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft erleben wir, wie Menschen nach Arbeit hungern und nach Anerkennung. Oder andere sind mit Arbeit so überlastet, dass sie die Berge nicht mehr übersehen. Die hungern nach nichts sehnlicher als nach einer Atempause, nach mehr Zeit für die Partnerschaft und Familie, für die Pflege von Beziehungen und für Muße, um wieder zu Besinnung zu kommen und das innere Gleichgewicht wieder zu finden.
Hunger kann viele Gesichter haben. Letztlich steht er für Sättigung unserer Sehnsucht nach einem menschenwürdigen Leben, nach einem sinnvollen und geglückten Leben.
Es gibt so viele hungernde Menschen auf der Welt, dass Gott nur in der Gestalt von Brot kommen kann. Jesus hat einen Blick für den Hunger und für die hungernden Menschen - in den verschiedenen Bedeutungen des Wortes. Er wird beschrieben als jemand, der ein tief empfundenes Mitleid mit den Hungernden hat und auf diese Not reagiert.
Misereor - ich habe Mitleid - mir drehen sich die Gedärme um, wenn ich die Hungernden sehe, hat er gesagt.
Auch die Begegnung mit der Sünderin, die seine Widersacher vor ihn hin zerren, belegt die Haltung seiner Barmherzigkeit. Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Das beschämt und stellt zugleich die ungleichen Verhältnisse wieder ins Lot.
Übriggeblieben sind am Ende zwei: die Erbarmenswürdige und das Erbarmen - so deutet der heilige Augustinus diese Begegnungsgeschichte.
Wenn wir im Vaterunser die Bitte aussprechen: Unser tägliches Brot gib uns heute, dann erbitten wir diesen Geist und diese Haltung Jesu für uns, für unsere Gemeinde und für unsere Kirche. Die Einstellung zu Barmherzigkeit und Mitleid, zu Solidarität und Empfindsamkeit ist die angemessene Antwort auf den Hunger der Welt.
Es gibt so viele hungernde Menschen auf der Welt, dass Gott nur in der Gestalt von Brot zu uns kommen kann. Jesus war nicht nur Lehrer und Verkünder einer guten Nachricht.
Er selbst kommt in der Gestalt von Brot zu uns. Er hat sich hingegeben und geteilt, er hat gefeiert und sich verschenkt im Brot der Eucharistie. Wenn wir uns von ihm einladen lassen und an seinen gedeckten Tisch treten, da werden wir eingegliedert in die Gemeinschaft des Miteinander-Teilens, der Barmherzigkeit, da werden wir aufgebaut zur Gemeinschaft der Solidarität.
Alle Brotlosigkeit und aller Hunger der Welt kann überwunden werden, wo wir die Einladung Jesu aufgreifen und selbst zum Brot werden für andere.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Gott hat uns Jesus Christus als lebendiges Brot geschenkt, das vom Himmel gekommen ist, um unseren Hunger zu stillen. IHM tragen wir unsere Bitten vor:


Millionen von Menschen hungern, obwohl die Erde für alle ausreichend Nahrungsmittel
hervorbringt. Es fehlt am Teilen und der gerechten Verteilung.
Wir bitten um Bereitschaft zum Teilen...

Christus, höre uns ... Christus, erhöre uns ...

Ganze Länder schreiben nach dem Brot der Gerechtigkeit und des Friedens.
Um die Ressourcen dieser Erde werden Kriege geführt und Kinder zu Soldaten gemacht.
Wir bitten um Bereitschaft zu Versöhnung und Frieden...

Politiker und internationale Organisationen haben sich verpflichtet, die Anzahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren.
Wir bitten, dass alle intensiv daran arbeiten und sich engagiert dafür einsetzen...

Die Kirchen in den Ländern der Dritten Welt tragen Verantwortung für die Zukunft ihrer Länder.
Wir bitten für alle, die in der Katechese mitarbeiten, dass sie wirklich Boten der Liebe sind und sie immer neu verkörpern...

Viele Väter und Mütter leiden, weil sie ihren Kindern nicht genügend zu essen geben können. Wir selbst gehen selten sorgsam und ehrfürchtig mit dem täglichen Brot um.
Wir bitten für unsere Kommunionkinder und für uns selbst, dass dein Brot in unserer Hand uns befähigt zur Gestaltung unseres Alltags nach deinem Beispiel...

Um dieses und um viel mehr bitten wir dich, unseren barmherzigen Vater
durch Christus, unsern Herrn. Amen