5. Fastensonntag, Lesejahr C

22.03.2007



Erste Lesung (Jes 43,16-21 )

So spricht der Herr, der einen Weg durchs Meer bahnt, einen Pfad durch das gewaltige Wasser,
der Wagen und Rosse ausziehen lässt, zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht.
Denkt nicht mehr an das, was früher war; auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht achten.
Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Steppe und Straßen durch die Wüste.
Die wilden Tiere werden mich preisen, die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.
Das Volk, das ich mir erschaffen habe, wird meinen Ruhm verkünden.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 8,1-11 )

In jener Zeit ging Jesus zum Ölberg.
Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?
Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
Als sie hartnäckig weiter fragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

 

Predigt/Ansprache

Was uns der Prophet Jesaja miterleben lässt, kennen wir auch. Vielleicht haben wir solche Bilder nur im Fernsehen gesehen, vielleicht hat es jemand schon selbst erlebt, - in jedem Fall ist es erschütternd, wenn man sieht, wie Wassermassen menschliches Leben rettungslos unter sich begraben können.Wir sprechen dann von einer Katastrophe.

Jesaja benutzt das Bild, um auch uns klarzumachen, in welch hoffnungsloser Situation sich das Volk Israel zu seiner Zeit befand.
Die Hauptstadt Jerusalem ist durch den König Nebukadnezar zerstört, das Volk mit Mann und Maus in Gefangenschaft verschleppt worden.
Es gibt eigentlich kein Volk Israel mehr, sondern nur noch ausgebeutete Fremdarbeiter.
Um das Unglück seines Volkes bildhaft und deutlich zu machen, verwendet der Prophet das Bild vom Wasser.
Ein gewaltiges Meer hat alles überschwemmt, ungeheure Wassermassen sind wie bei einem Dammbruch über die Israeliten hereingebrochen.
In solch einer Situation noch auf irgendeine Rettung hoffen zu wollen, ist nicht möglich.
Aber merkwürdiger Weise spricht Jesaja nicht vom Untergang.
Die Wassermassen, die über das Volk hereingebrochen sind, haben das Volk nicht ertränkt, sondern Gott hat durch diese Wasserfluten einen Weg gebahnt.
Das ist unfassbar und nach all unseren menschlichen Erfahrungen unmöglich. Das Volk, zu dem Jesaja sprach, konnte das auch nicht glauben, denn es sah ja seine Situation in den Arbeitslagern der Gefangenschaft. Es konnte nicht begreifen, dass eine Rettung möglich war.
Manches an der Situation der Menschheit, der Kirche oder in unserem eigenen Leben erinnert an die Situation Israels zur Zeit des Jesaja.
Manches sieht so hoffnungslos aus wie ein Land unter einer Überschwemmungskatastrophe.
Wie soll sich zum Beispiel die Kirche in unserem Land jemals von der sturzflutartigen Abnahme ihrer Mitgliederzahlen erholen?
Wie soll sich unsere Gesellschaft erholen von der Genusssucht, die bei vielen ihrer Glieder alle anderen Interessen einfach wegschwemmt?
Wie soll die Menschheit die Zukunft bewältigen, wenn immer wieder Kriege und Terroranschläge über sie hinwegfluten, wenn die Wogen des Hasses hoch gehen?
Wir sollten von Jesaja lernen, daß es nicht nur einen Gott gibt, der in der Vergangenheit irgendeinmal Heil gewirkt hat.
Auch Gottes Sohn ist nicht nur ein Heiland der Vergangenheit, der vor rund 2ooo Jahren gelebt hat und gestorben ist auch für uns. Gott ist ein Gott der Zukunft. Er bahnt da Wege, wo wir es für unmöglich halten, überhaupt ein Durchkommen annehmen zu können.
Gott ist der Gott, der durch die Wasserfluten von Pessimismus, Hass und Katastrophe trockenen Fußes hindurchgehen lässt.
Und so können wir auch das Bild, das uns heute im Evangelium gezeichnet wird, annehmen und verstehen. Schwere Wogen, tödliche Wogen der Anklage brausen hier an eine Frau heran. Sie ist dem Untergang geweiht. Aber nicht nur gegen sie. Man will auch den Wanderprediger Jesus quasi töten - mundtot machen. „Was sagst du?" wollen die Pharisäer von ihm wissen.
Zuerst sagt er gar nichts. Das soll wohl ein Zeichen dafür sein, dass er sie durchschaut hat.
Er schreibt etwas in den Sand. Was er schreibt wird nicht gesagt.
Ein moderner Künstler, der diese Situation aufgenommen hat, hat ihn die lateinischen Worte „Terra terram accusat" schreiben lassen.
Das heißt soviel wie: Die Erde klagt die Erde an. Es soll andeuten, dass ein Mensch, der aus Erde geformt ist, auf dieser Erde einen anderen nicht anklagen und verurteilen darf.
Das Urteil und das letzte Wort über den Menschen liegt allein bei Gott, weil er der Schöpfer ist.
Aber weil die Pharisäer nicht aufhören zu bohren, weil sie eben auch ihn vorführen wollen, kommt dann eine Antwort, die betroffen macht. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie."
In wenigen Minuten ist es auf dem Tempelplatz still geworden. Jesus ist mit der Frau allein da. Was wir er sagen? Was wird er tun? Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
Sie antwortete: Keiner, Herr.
Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht.
Jesus nimmt die Sünde dieser Frau nicht leicht. Er sagt nicht: Das ist ja nicht so schlimm. Das kann doch mal passieren. Er verharmlost nichts. Aber er weiß auch, dass nicht nur aus Boshaftigkeit gesündigt wird, sondern auch aus Einsamkeit, aus Verzweiflung und aus Schwäche.Jesus hat kein Verständnis für die Sünde, aber er hat viel Verständnis für den sündigen Menschen.Und deshalb hat er auch Verständnis für diese Frau, und er hat auch Verständnis für uns.
Ihm geht es nicht um Gericht und Verurteilung, sondern um die Chance, die der Mensch braucht, um wieder einen neuen Anfang in seinem Leben zu machen.
So vergibt er der Frau - die ja für uns alle steht - aber er vergibt ihr mit der Aufforderung: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!"
So führt er die Frau hin zu einem neuen Anfang und zu einem neuen Leben.
Und das ist nun Gottes Wort an uns an diesem Fastensonntag.
Wir sollen unsere Mitmenschen nicht verurteilen.
Wir dürfen keine Steine werfen, sondern wir sollen ehrlich in unser eigenes Leben hineinschauen.
Wir sollen ohne jede Beschönigung unsere persönliche Schuld erkennen Und diese Schuld bereuen wir aus ganzem Herzen und vertrauen dabei auf den barmherzigen Gott.
Denn nicht Gesetz, nicht Schuld und nicht Strafe sollen die letzten Wirklichkeiten unseres Lebens sein, sondern die Güte, die Vergebung und die Barmherzigkeit Gottes.
Und wenn wir uns mit Reue und Vertrauen dieser Güte überlassen, dann kann Gott hinwegsehen über die ganze Schuld unseres vergangenen Lebens. Er kann hinwegsehen über all unsere Irrwege und Umwege. Er wir sich auch unser erbarmen und auch uns den Mut geben zu einem neuen Anfang und einem neuen Leben.

Peter Völkel, Diakon in St. Michael