Fest der Heiligen Familie, Lesejahr C

31.12.2003



Einleitung in die Eucharistiefeier

Nie zuvor stand in unserer Gesellschaft die Familie so in Frage wie heute: Mehr als zwei Drittel der Ehen scheitern, viele junge Menschen wagen schon den Schritt in die Ehe nicht mehr und begnügen sich als Teilzeitpartner in einer Beziehung.
Kurze Zeit nach Weihnachten feiern wir das Fest der Heiligen Familie, das 1921 durch Papst Benedikt XV eingeführt worden ist.
Wir gedenken dabei dieser kleinen Gemeinschaft, die größten Belastungen von innen und außen ausgesetzt war: Getuschel über die Schwangerschaft Mariens, wo der Ehemann nicht der Kindesvater ist, Geburt des Kindes in armseligen Umständen, Flucht in die Fremde,
Unverständnis zwischen Eltern und Kind.
Wir gedenken dieser drei Personen Heilige Familie Und haben längst verstanden, dass manches bei uns genauso ist.
Und dennoch liegt ein Geheimnis über den drei Personen, über der Heiligen Familie, in der Gott und Mensch sich verbunden haben. Lassen auch wir uns davon ergreifen. Denn das gleiche Geheimnis wirkt fort bis hier und heute, in dieser Feier und auch dort, wo Menschen sich einander ganz und gar zuwenden.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 2,41-52 )

Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem.
Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach.
Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten.
Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten.
Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort.
Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.
Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten.
Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.
Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?
Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte.
Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.
Jesus aber wuchs heran und seine Weisheit nahm zu und er fand Gefallen bei Gott und den Menschen.

Predigt/Ansprache


Mit 17 Jahren ist Lindy abgehauen von zu Hause, mit einem Freund mitgegangen, den die Eltern nie gesehen haben. Lindy ist weg.
Der Freund schickt noch eine Karte, dann verliert sich die Spur der beiden. Die Mutter wartet manche Stund vergeblich am Fenster, auf der Couch.
Der Vater hadert mit dem Schicksal: Warum ausgerechnet dieses starke, schwierige und älteste Kind. Die beiden daheim gebliebenen Kinder erscheinen ihm langweilig, langweilig wie er selbst und sein ganzes Leben. Ausgerechnet das Kind, das Probleme machte, aber auch für Leben und Trubel in der Familie sorgte, ist gegangen. Lindy ist weg.
Was mit ihr ist, ist vollkommen offen. Nur eines wird dem Vater immer schmerzlicher bewusst: es ziehen Menschen in die Nachbarschaft ein, die Lindy noch nie gesehen haben.
Niemand wird kommen und dieser ältesten Tochter auf die Schulter klopfen und mit echtem oder gespieltem Staunen ausrufen: Wie bist du groß geworden! So erzählt Anne Tyler im Roman „Im Krieg und in der Liebe".
Wie bist du groß geworden! Heute begegnet uns Jesus zum ersten Mal wieder, nachdem wir ihn gerade noch als Baby gesehen haben. Der Satz „Wie bist du groß geworden!"
Lässt uns in beruhigender Sicherheit auf der Erwachsenenseite bleiben, auf der Seite der Wissenden. Jesu Worte heute verbieten solche Sicherheiten. Sie stellen ja selbst seine Eltern in Frage, die wir gewohnt sind, am heutigen Fest mit Lametta und Gold zu betrachten oder in traut-heiliger Innigkeit. Jesus rüttelt an unserem Bild von der heiligen Familie.
Wir müssen den Mut haben, uns auch in diesem Punkt von ihm in Frage stellen zu lassen.
Wir hören heute die ersten Worte aus dem Mund Jesu.
Von den zwölf Lebensjahren, die er inzwischen verbracht hat, bekommen wir keine Vorstellung. Wir müssen „springen". Weihnachten war erst letzte Woche.
Und nun ist das Jesuskind schon so groß geworden.
Warum sucht ihr mich? fragt der Zwölfjährige. Dies Fragen lässt seine Eltern und uns nicht kalt. Die Aufregung, die lange Suche, die Unsicherheit - Und dann ein trockenes „Warum sucht ihr mich?" Wenn man einen Menschen unerwartet in der Menge verliert, nimmt einem das jede sichere Orientierung. Wo ist er? In der großen Schar von Bekannten ist das schwieriger zu lösen als in der Fremde. Wenn ringsum nur Bekannte und Verwandte sind,
will jeder ihn gesehen haben, ist jeder ein Stück mit dem Gesuchten gegangen: Es wird unklar, wo man mit der Suche beginnen soll. Umso aufreibender ist es ein, einen Zwölfjährigen, fast noch ein Kind zu verlieren. Wo es suchen? Kann es sich selbst helfen? Wie mag es ihm gehen. Was ist ihm zugestoßen? Das sind Fragen, die sich Josef und Maria stellen. Sind das auch unsere Fragen? Was ist unserem Jesus zugestoßen? Ist das liebe Jesulein unserer Kindheit zu Schaden gekommen? Oder anders gefragt: Haben wir ihn beschädigt?
Haben wir ihn mit uns groß werden lassen, dass wir ihn auch heute noch gern suchen?
Suchen wir ihn, weil wir ihn ernst nehmen? Uns von ihm anziehen lassen? Haben wir Sehnsucht nach ihm - Und ist er in unserem Gedanken so groß, dass wir ihm unsere Sehnsucht anvertrauen? Ist er nicht eher klein geblieben, das Jesuskind, der holde Knabe im lockigen Haar?
Was ist unserem Jesus zugestoßen? Wie Maria und Joseph würden auch wir ihn als Erstes fragen. Ist dir was passiert? Jesus macht diese Aufregung zunichte.
Mit den ersten von ihm überlieferten Worten. Warum sucht ihr mich? Als sei doch selbstverständlich, dass er da ist.
Ich weiß nicht, wie oft Sie diese Erfahrung gemacht haben - Ich selbst weiß aus eigenem Erleben, wie häufig ich Jesus nicht zu finden meine. Dass ich das Gefühl habe, dass er nicht da ist. Auch in der Kirche habe ich ihn nicht immer gefunden Und dabei hatte ich doch gedacht, er müsste in dem sein, was seines Vaters ist. Und nicht immer habe ich ihn dort auf Anhieb gefunden, es dauerte manchmal lange, bis ich ihn entdeckte. Er hält sich zurück. Warum suchst du mich? Vielleicht will er erst wissen, was uns auf die Suche treibt.
Vielleicht fragt er nun eher mich, was mir passiert ist.
Vielleicht ist unsere Antwort darauf, warum wir ihn finden wollen, nötig, bevor wir ihm wirklich begegnen können.
Wie Lindys Eltern, die Romangestalten von Anne Tyler, müssen auch Maria und Joseph und wir mit ihnen lernen, dass wir einander verfehlen und verlieren, selbst das eigene Kind,
wenn wir uns zu starke Bilder voneinander machen.
Diese Botschaft erzählt uns das Fest der Heiligen Familie: Gerade dort, wo wir einander am besten zu kennen glauben, laufen wir Gefahr, uns gegenseitig durch Bilder festzulegen.
Wir müssen darauf achten, dieser Versuchung zu widerstehen - In der Familie, in der Gemeinde, auch bei Jesus, auch in der Kirche.
Die Kirche ist nicht die falscheste Adresse, um Jesus zu suchen. Die Vielfalt der Menschen, so wie wir hier sind, kann eine Hilfe sein. Doch sie kann auch verwirren.
Dann nämlich, wenn es uns mit der Vielfalt so geht wie den Eltern Jesu Mit den Bekannten und Verwandten: Jeder hat seinen Jesus gesehen, jeder ist ihm begegnet, nur wir nicht.
Wie ihn andere gefunden haben, das bringt ihn nicht herbei, aber es kann uns auf seine Frage vorbereiten: Warum suchst du mich?
Warum suche ich ihn immer noch in der Kirche?
In einer Nummer der Frauenzeitschrift „Brigitte" wurde im vergangenen Jahr eine Frau zitiert,
die mit einem trotzigen Obwohl in der Kirche geblieben ist: Warum papp ich eigentlich noch an diesem Verein? Diesem großen behäbigen Kirchendampfer? Es sei immer innerhalb ihrer Gemeinschaft gewesen, dass sie Gott besonders stark gespürt habe.
Eine Suche nach religiösen Bezügen ist aktuell spürbar In der heutigen Gesellschaft.
Eine Suche nach Jesus vielleicht auch, eine Suche nach etwas, nach jemandem, das oder der heilen kann.
Suchend in diesem Sinn bin ich auch, immer noch. Denn zu glauben und vom Glauben zu erzählen heißt nicht, ihn sicher zu haben. Das könnte meinem Jesus zustoßen, dass ich ihm nicht genug vertraue, in dem zu sein, was seines Vaters ist. Damals war das der Tempel. Heute ist das die ganze Welt.
Wie sollen wir weitersuchen am Ende dieses Jahres Mit all seinen Glücksmomenten und mit all den Stationen, an denen wir gescheitert sind?
Wir wollen, dass unser Leben gelingt.
Wir nehmen uns dazu für das nächste Jahr etwas vor. Halbherzig vielleicht, weil unsere guten Vorsätze so oft nicht weit tragen.
Ein Forscherteam aus Kanada hat untersucht, dass 90 Prozent der Vorsätze danebengehen.
Im Umkehrschluss freilich heißt das, dass 10 Prozent gelingen. Was für eine gewaltige Erfolgsquote! Unsere Anläufe Jesus zu finden, werden auch 20067 nicht immer erfolgreich sein.
Aber vielleicht kann es 10 Prozent gelingen, ihn so zu suchen, dass wir auf seine Frage
„Warum suchst du mich?" wirklich antworten können.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Dem, der von Ewigkeit her war und in eine Familie hineingeboren wurde, tragen wir unsere Bitten vor:


für die Kirche, die auch in unserer Zeit nicht aufhört, sich einzusetzen für Würde und Heiligkeit von Ehe und Familie ...

Jesus, Gottessohn und Menschenkind ... Herr, erbarme dich ...

für jene, die Einfluss haben in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, deren Meinungen und Entscheidungen die Familien fördern  oder belasten können ...

für die Eheleute, die sich um ein gutes Zusammenleben bemühen und für solche, die um den Zusammenhalt der Ehe kämpfen müssen ...

für die Ehepartner, die in ihrer Würde und Liebe verletzt worden sind,


für die Kinder, die unter der Trennung ihrer Eltern leiden,


für alle Opfer von Gewalt in den Familien ...

für die jungen Menschen, die ihre Beziehung auf Liebe und Treue gründen wollen, aber keinen Zugang finden zu verbindlicher Ehe und Familie ...

Wie eine starke Mutter und ein treuer Vater sorgst du für uns, o Gott. Dafür danken wir dir und preisen dich, heute und alle Tage bis zur Ewigkeit.