12. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

20.06.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Religion ist Privatsache - hört man. Und gemeint ist damit häufig: Religion ist nicht wichtig.
Wer glauben und beten will, der kann das ja tun, aber für die Öffentlichkeit ist das ohne Bedeutung.
So ist es nicht leicht, Christ zu sein und dazu zu stehen. Katholikentage und Kirchentage machen es uns da gelegentlich etwas einfacher: wir spüren, dass wir nicht allein sind, sondern getragen von der Masse, die wir sonst eher als hartes Gegenüber empfinden.
Vielleicht sind wir gerade darum dem Herrn besonders nahe: auch er wurde abgelehnt; viele seiner Zeitgenossen erkannten ihn nicht als den, der zur großen Hoffnung werden sollte.
IHN, der Weg ist und Hoffnung auf dem Weg,
IHN, der das Ziel ist, rufen wir um Erbarmen an...

Erste Lesung (Sach 12, 10-11; 13, 1 )

Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen. Und sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt; sie werden bitter um ihn weinen, wie man um den Erstgeborenen weint.
An jenem Tag wird die Totenklage in Jerusalem so laut sein wie die Klage um Hadad-Rimmon in der Ebene von Megiddo.
An jenem Tag wird für das Haus David und für die Einwohner Jerusalems eine Quelle fließen zur Reinigung von Sünde und Unreinheit.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 9, 18-24 )

Jesus betete einmal in der Einsamkeit, und die Jünger waren bei ihm.
Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute?
Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija;
wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Messias Gottes.
Doch er verbot ihnen streng, es jemand weiterzusagen.
Und er fügte hinzu: Der Menschensohn muß vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten verworfen
werden; er wird getötet werden, aber am dritten Tag wird er auferstehen.
Zu allen sagte er: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.

 

Predigt/Ansprache

Eine chassidische Geschichte bewegt mich:
Da gibt es die Stadt Roptschitz und darin wohnt der Rabbi Naphatli.
Und viele reiche Leute wohnen da und die Reichen bestellen Männer zum Schutz ihres Eigentums gegen Diebe.
Eines Abends geht der Rabbi am Rand des Waldes spazieren und stößt auf einen solchen Wächter bei seinem Kontrollgang. Für wen gehst du? fragt der Rabbi den Wächter.
Dieser gibt Bescheid und stellt die Gegenfrage: Für wen geht Ihr, Rabbi?
Die Frage trifft den Rabbi wie ein Pfeil.
Noch gehe ich für niemand bringt er mühsam hervor. Lange gehen beide schweigend auf und ab und schließlich fragt Rabbi Naphtali den Wächter: Willst du mein Diener sein?
Das will ich gern. Aber was ist meine Aufgabe? Mich zu erinnern! sagt der Rabbi Naphtali.
Ich höre die Frage an mich gerichtet: Für wen gehe ich in meinem Leben?
Für wen lebe ich, für wen ist meine Aufgabe, mein Dienst, meine Begabung, meine Mühe und Sorge? Für wen die ganze Kraft meines Herzen? Für wen das Suchen und Fragen all meiner Sinne? Für wen das Warten in meinem Innersten?
Und es fallen mir Menschen ein, die mir anvertraut sind und die mir nahe stehen.
Und wenn ich in die Einsamkeit in mich hineingehe, dann höre ich das auch als die Frage Jesu: Für wen gehst du? Gehst du wirklich für mich? Und wenn ich aufmerksam bin, dann verstehe ich seine Frage als die Frage: Wer bin ich für dich. Für wen hältst du mich?
Und ich suche Antworten, die auch bei mir oft genug an der Oberfläche bleiben.
Die Leute damals wussten von Jesus, dass er ein ungewöhnlicher Mensch war, Ihr aber - was wissen die Jünger damals und heute?
Wer nach Jesus fragt, wird selbst zum Gefragten, wird vor eine Entscheidung gestellt.
Ich und wir alle spüren, dass die Antwort nicht bloß ein Wort sein kann.
An Jesus als den Messias Gottes, als den von Gott gesandten Retter glauben, das kann nur der, der bereit ist, dem Menschensohn auf dem Weg zu folgen.
Und da trifft auch uns die Frage wie ein Pfeil, hart und verletzend, auch weh tuend, gelegentlich sehr weh. Denn so leicht sind wir nicht bereit, den Weg nach unten zu gehen, weil wir nach oben wollen, vorwärts.
So leicht fällt es uns nicht, uns unterzuordnen, weil wir selber das Sagen haben wollen.
Es kostet uns viel Überwindung, ein Stück unseres Lebens herzugeben, weil wir es lieber kleinlich für uns bewahren wollen.
Das Kreuz tragen heißt nicht: sich Leiden suchen und aufbürden. Es bedeutet vielmehr:
seine täglichen Frustrationen aufzuarbeiten, unangenehmen Problemen die Stirn bieten, trotz vereitelter Pläne ausharren, Unabwendbares akzeptieren. All die Maschendrähte, die das Leben setzt, sind gleich sinnlos wie das Kreuz, an dem Jesus schmählich verendete.
Doch hier wie dort vermag der Funke Glaube die gleiche Liebe und Führung Gottes erkennen, die dahinter steht. Wer diese Liebe und Führung Gottes bejaht, der trägt sein tägliches Kreuz und wandelt es in etwas, das Sinn hat und Sinn macht.
Für wen gehst du?
Wir dürfen und müssen hier alle unsere Namen einsetzen und damit unser Leben und unsere Geschichte.
Gehen wir wirklich für den Gekreuzigten, den für uns Verworfenen und Durchbohrten und schließlich Auferweckten?
Noch gehe ich für niemand!
hatte Rabbi Naphtali dem Wächter eingestehen müssen.
Das heutige Evangelium stellt auch uns vor die Entscheidung: ob wir letztlich uns selber suchen oder ob wir für den ganz anderen gehen: für Christus.
Wenn wir meinen, schon auf dem rechten Weg der Nachfolge zu sein, dann können wir Christus bitten, uns unser tägliches Kreuz tragen zu helfen.
Und wenn wir noch nicht auf dem Weg der echten Nachfolge sind, dann brauchen auch wir einen Diener, der uns immer wieder erinnert: Für weg gehst du?

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Auch unserem Herrn Jesus Christus sind Leiden und Tod nicht erspart geblieben.
Im Glauben an seine Auferstehung beten wir:


* für alle, die zur besonderen Nachfolge des Herrn berufen sind:
als Bischöfe, Priester und Diakone, als Ordensleute oder in einer pastoralen und caritativen Aufgabe...

Christus, unser Herr und Meister ... Herr, erbarme dich ...

* für die Frauen und Männer in hoher politischer Verantwortung...

* für die Menschen, die ein schweres Los zu tragen haben:
für die unheilbar Kranken,
für die Menschen ohne Arbeit und Anerkennung,
für die in ihrer Liebe Enttäuschten...

* für unsere Gemeinde und für alle,
die sich um ein christliches Leben bemühen,
für alle, denen der Glaube fremd geworden ist,
für die Kinder und die Heranwachsenden...

Gott, dein Sohn ist den Weg durch irdisches Leid gegangen und zur Herrlichkeit bei dir gelangt.
Auf ihn schauen wir und auf dich vertrauen wir jetzt und bis zur Ewigkeit. Amen