15. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

11.04.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Hl. Geistes sei mit Euch allen.
Wir werden heute das Gleichnis vom barmherzigen Samariter hören.
Dass dieses Gleichnis gegen die „Superfrommen" gerichtet ist, die vor lauter Politur des eigenen Seelchens blind sind für den Not leidenden Mitmenschen im gleichen Hausblock oder am täglichen Weg, müsste Anlass zu einer ernsten Gewissenserforschung der ganzen christlichen Gemeinde werden. Der Weg zu Gott ist nicht ein individualistisch-egoistisches Unterfangen. Er ist immer ein Zusammen mit anderen.
Priester und Levit versagen. Ein Fremder muss kommen, um den Armen zu retten. Dieser Fremde ist Christus; er rettet uns aus der Verwundung durch die Sünde. An ihn wollen wir uns wenden:

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 10,25-37 )

Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?
Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort?
Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.
Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben.
Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.
Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.
Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.
Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?
Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Predigt/Ansprache

Ungezählte Male am Tag kommen wir in die Situation, etwas entscheiden zu müssen, ohne in unserem inneren Wesen wirklich davon berührt zu sein.
Wir können beispielsweise im Laden auswählen, ob wir uns einen gestreiften Schlips oder einen gepunkteten kaufen. Wir können beim essen wählen, ob wir aus dieser Schüssel oder mehr aus der anderen nehmen. Wir können uns überlegen, ob wir zuerst diese oder jene Arbeit erledigen.
Nun könnten wir auf die Idee kommen, das Prinzip der konsequenzfreien Entscheidung gelte für alle unsere Lebensbereiche.
Das ist aber ein Irrtum, wie uns die Unterhaltung zwischen dem Gesetzeslehrer und Jesus zeigt. Es geht bei dieser Unterhaltung zuerst einmal um die Frage, ob ein Zusammenhang besteht zwischen der Erlangung des ewigen Lebens und der Liebe zum Nächsten.
Diese Frage erledigt sich schnell: Der Schriftgelehrte ist genau wie Jesus der Überzeugung, dass wir ohne Gottesliebe und ohne Liebe zum Nächsten nicht zur ewigen Herrlichkeit gelangen. Es ist dem Schriftgelehrten also klar, dass es ohne Liebe zum Mitmenschen keinen Weg zu Gott gibt.
Damit wäre das Gespräch eigentlich beendet.
Aber nun kommt der Schriftgelehrte mit einer sonderbaren Zusatzfrage: Wer ist denn eigentlich mein Nächster?
Die Antwort auf diese Frage müsste eigentlich auch klar sein: Nächster ist mir doch jeder, der das Menschsein mit mir gemeinsam hat.
Also wären alle Menschen, die geboren werden, gegebenenfalls auch meine Nächsten.
Aber schon in dem Gleichnis, das Jesus erzählt, stellt sich heraus, dass die Sache mit dem Nächsten gar nicht so selbstverständlich ist.
Denn von drei Leuten lassen zwei einen Schwerverletzten im Straßengraben liegen.
Und hier kommen wir dem auf die Spur, was der Schriftgelehrte mit seiner seltsamen Frage nach dem Mitmenschen eigentlich will. Er will von Jesus eine Bestätigung dafür erhalten, dass er sich seine Nächsten nach eigenem Ermessen aussuchen darf.
Mit anderen Worten: Er will nur denjenigen sein Mitgefühl zukommen lassen, die ihm in seinen Kram passen.
Diese Methode, sich den Nächsten auszusuchen, hat in der Menschheitsgeschichte nie aufgehört.
Die Älteren unter uns wissen es noch, wie es im Nationalsozialismus war. Da sollte auch „Einer für alle und alle für einen!" da sein.
Jeder Volksgenosse sollte für jeden Volksgenossen da sein. Aber natürlich war es unmöglich, dass ein Volksgenosse für einen Juden da zu sein hatte, denn Juden waren nach Meinung der Nazis keine Mitmenschen, sondern Untermenschen.
Oder: In Kriegsberichten aller Zeiten - bis auf den heutigen Tag - wird die Kameradschaft der Soldaten gerühmt. Wenn ein Soldat fällt, ist er für alle gefallen. Aber merkwürdiger Weise fallen gegnerische Soldaten nie. Sie werden außer Gefecht gesetzt, sie werden vernichtet.
Die eigenen Leute sind also offensichtlich Nächste, die gegnerischen nicht, sie werden als etwas Nichtmenschliches dargestellt, das man vernichten kann.
Auch wir haben diese schreckliche Angewohnheit, uns unsere Nächsten auszusuchen. Nicht einmal alle Angehörigen unserer Pfarrgemeinde nehmen wir in diesem Sinne an. Da hört man schon einmal so kleine Spitzen wie: Es hat ja eh` keinen Wert mit dem oder mit der.
Der ist mir unsympathisch - viel zu dick - eh alles viel zu spät - die ist eine alte Zicke - hat eh immer was zu meckern - an deren Meinung geht doch nichts vorbei - also wenn die mal nicht recht kriegt, was sie will .
Wir überlegen uns sehr, wer unserer Nächstenliebe wert sei und wer nicht. Aber genau hier trifft das warnende Wort Jesu. Wer sich seinen Nächsten aussuchen will wie die Schlipse im Kaufhaus oder wie das Essen im Gasthaus, der hat keine Chance, den Weg zu Gott zu finden; denn der hat von der Liebe Gottes nichts begriffen. Die Liebe Gottes nämlich offenbart sich in Jesus, der für alle Menschen gestorben ist und nicht nur für ein paar eventuell sympathische Katholiken. Amen.

Peter Völkel, Diakon in St. Michael

Fürbitten

Guter Gott, du hast uns Liebe ins Herz gelegt und wir dürfen sie zur Entfaltung bringen.
Darum bitten wir dich:


Wir bitten dich für unsere Kirche, dass sie auch jenen Verständnis und Barmherzigkeit schenkt, die sie bisher ausgrenzt.


Herr, erbarme dich.

Wir bitten für unser Volk, dass wir den Mut finden, Fremde in unserem Land zu dulden.
Herr, erbarme dich.

Wir bitten für alle, die einen weiten Bogen um das Leid der anderen machen, dass sich ihr Herz öffne.
Herr, erbarme dich.

Wir bitten für alle, die sich um die Leidenden kümmern, dass sie in ihrem Einsatz nicht mutlos werden.
Herr, erbarme dich.

Wir bitten für alle hier Versammelten, die von Sorgen geplagt werden, von denen niemand etwas weiß, dass sie sich in das Gebet unserer Gemeinde eingeschlossen wissen Herr, erbarme dich.

Gott, für deine liebende Nähe sei dir Dank gesagt, jetzt und in Ewigkeit. Amen.