16. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

18.07.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Jeder Tag verlangt von uns Entscheidungen, selbst die Urlaubszeit, in der wir uns von so manchen Zwängen des Alltags befreien wollen. Ich lebe nicht, ich werde gelebt - so kann mancher Zeitgenosse stöhnen und klagen.
Sonntag für Sonntag feiern wir den Mittelpunkt des Lebens, von dem her unsere Entscheidungen und unser Alltag das Gewicht erhalten können, das ihnen wirklich zukommt, so dass wir nicht gelebt werden, sondern selber leben.
Dieser Mittelpunkt ist Jesus Christus, der uns zur Freiheit befreit. Wer Gott in die Nähe rückt, findet sich als Mensch wieder. So rufen wir voll Vertrauen den Namen des Herrn in unserer Mitte über uns aus.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 10,38-42 )

Sie zogen zusammen weiter und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf.
Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.
Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!
Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.

Predigt/Ansprache

Gastfreundschaft gehört großgeschrieben. Darum ärgern wir uns, dass Martha in ihrer Sorge um die Gäste im heutigen Evangelium so schlecht wegkommt. Und wir suchen Gründe zugunsten der Martha, weil wir selber so sind. Wir beschäftigen uns mit vielem, das wir für notwendig halten.
Das ist nicht nur unser persönliches Problem. Unsere Gesellschaft, die Anforderungen des Berufes können nur Leute brauchen, die pausenlos arbeiten, die wie ein Rädchen funktionieren.
Da hören wir die Warnung Jesu: über deinem pausenlosen beschäftigt sein kannst du das Wesentliche verpassen. Denn das Wesentliche kannst du nicht selber machen, das musst du dir schenken lassen, dafür musst du Zeit haben und innere Aufmerksamkeit, Zeit zum Hinhören und zum Nachdenken, ein offenes Herz.
Wir hören dieses Evangelium kurz vor der Ferienzeit. Ferien - das heißt Atempause, Erholung, damit wir hinterher wieder fit zum Arbeiten sind.
Das ist sicher nötig, aber es reicht nicht aus. Es geht um das Freiwerden in den täglichen Zwängen, in den täglichen Ängsten, in der Karriere-Angst oder der Prestige-Angst.
Freiwerden - das ist: sich hingeben können dem Augenblick, dem Menschen, mit dem ich jetzt zusammen bin, der Situation, an der ich sonst oft genug vorbeilaufe, den neuen Eindrücken in fremden Ländern und Kulturen, ohne Angst, etwas Wichtiges zu versäumen.
Wir sind freilich auch in den Ferien oft wie Martha: gefahrene Kilometer, Weite des Fluges, bestiegene Berge, besuchte Kirchen - alles ohne still zu werden. Wir können gar nicht genug kriegen; die Hektik geht weiter. Da höre ich die Geschichte von Martha und Maria wie eine Einladung, etwas von Marthas Schwester Maria zu lernen.
Da stocke ich wieder: denn das wäre zu einfach: das Jahr über wie die „gschaffige" Martha und in den Ferien wie Maria? So einfach ist unser Leben nicht aufzuteilen. Maria muss auch in den übrigen Monaten, Wochen oder Tagen ihren Platz haben.
Es geht ja nicht darum, wie Maria in der heutigen Geschichte nur dazusitzen und zuzuhören.
Es geht darum, ein Gespür zu entwickeln für das, was gerade jetzt das Wichtige ist, das Notwendige, das die Not wendet. Da war Maria ganz hellwach und hat den Augenblick genutzt. Sie spürte: diese Chance kommt vielleicht nie wieder. Deswegen darf ihr das nicht genommen werden.
Das finde ich sehr tröstlich: Jesus verlangt von uns keine pausenlose Aktivität als ob wir alles selber schaffen könnten und müssten. Früher war alles von Rollen bestimmt, in die wir hineingeboren wurden, die wir übernommen hatten und die uns festlegten. Als Christen hatten wir da zu hören und zu gehorchen.
Es kommt aber auf jeden Menschen selber an, auf seine Kraft, die Zeit einzuteilen, den eigenen Platz im Miteinander immer neu zu finden. Das geht heute nicht mehr von selber.
Umso wichtiger sind Zeiten der Besinnung und der Stille, die uns dem einen Notwendigen begegnen lassen, die uns seiner innewerden lassen.
Die Frauentheologie hat die Stelle von Martha und Maria neu gelesen und dabei festgestellt, dass es damals ein Vorrecht der Männer war, Zeit zu haben für die Thora, für die Beschäftigung mit dem Gesetz Gottes, es zu lernen und es auszulegen. Männer hatten im Gottesdienst die ersten Plätze und nur wenn eine bestimmte Zahl von Männern da war, konnte der Gottesdienst gehalten werden; nach der Anwesenheit der Frauen wurde nicht gefragt.
Und hier sagt Jesus: das alles ist nicht Vorrecht der Männer. Die Frauen haben ebenso das Recht hinzuhören, sich damit zu beschäftigen. Ja, das ist sogar das Notwendige, auch für sie.
Das darf ihnen niemand nehmen. Jesus wendet sich gegen die Festlegung der Frauen auf ihre Arbeit im Haushalt und gibt der Maria Recht gegen die Martha.
Für Männer und Frauen gilt die Einladung des Herrn, die Maria in uns nicht zu kurz kommen zu lassen. Die Martha in uns wird schon ihren Platz finden. Sie gehört zu uns, aber sie darf uns nicht ganz beanspruchen. Maria und Martha sind eben zwei Schwestern, die miteinander leben auch in uns.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Wir haben Gottes Wort gehört.
Als sein Volk dürfen wir von ihn treten und zu ihm rufen:


* für die Menschen, die ihre Heimat verloren haben und auf der Flucht sind:
um die Erfahrung von Gastfreundschaft, Trost und Hilfe...

Gott, du Mitte des Lebens ... Herr, erbarme dich

* für die Menschen, die sich den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen fühlen:
um neue Ermutigung und Beistand

* für jene, die im Urlaub Erholung und neue Kraft suchen:
um Zeiten der inneren Einkehr, der Freude und des Dankes..

* für jene Christen, denen der Glaube äußerlich geworden ist:
um Neuentdeckung ihrer Beziehung zum dreifaltigen Gott...

* für uns selbst:
um die Gabe, das Notwendige zu erkennen und um die Kraft, es auch zu tun

Gott, im Hören auf deinen Sohn, erkennen wir, was wichtig ist für unser Leben.
Dir danken wir durch ihn, der mit dir lebt und wirkt in alle Ewigkeit. Amen