18. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

01.08.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wohl kaum eine Zeit ist so vom Materialismus geprägt wie unsere. Geld, Besitz, Vermögen scheinen manchmal das Wichtigste zu sein, im privaten Leben ebenso wie in Gesellschaft und Politik.
Es ist gut, dass wir hier Sonntag für Sonntag zusammenkommen, um Gottes Wort zu hören, das ganz andere Schwerpunkte setzt.
Gott ruft uns hier zusammen, um uns Anteil zu geben an seinem Leben. Das ist unser Trost, das gibt uns Sicherheit.
Dafür wollen wir ihm danken. Mit dem Ruf um Erbarmen heißen wir ihn willkommen in unserer Mitte.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 12,13-21)

Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen.
Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?
Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.
Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.
Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll.
Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.
Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!
Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?
So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

Predigt/Ansprache

Erst in den letzten Jahren hat sich eine Einrichtung durchgesetzt, die eigentlich so selbstverständlich ist: eine Markierung auf dem Fußboden vor Bank-, Post oder Fahrkartenschaltern. Sie markiert eine Schwelle, eine unsichtbare Schranke:
Halte Abstand! Respektiere, dass andere Leute inmitten dieser so durchsichtigen Öffentlichkeit ein Recht auf Privatsphäre haben, einen Schutzraum der Diskretion, auch da, wo es nur um eine Telefonrechnung, den Kontostand oder um eine Fahrzeitauskunft geht.
Heute dürfen wir eine solche Markierung überschreiten und zu Mithörern einen fremdem Selbstgespräches werden, weil wir uns mit dieser Figur des reichen Kornbauern porträtiert vorfinden. Der Maler Lukas malt uns. Er stößt die Frage an: Bin ich das selbst? Worum dreht es sich bei meinen Selbstgesprächen?
Was ist mir unheimlich wichtig? Was ist mein Lebensthema?
Indem ich diese Markierung überschreite, treffe ich einen alten Bekannten, meinen Doppelgänger, mich selbst. Ich werde im Gleichnis bei meinem Geschäft ertappt, geistiges und materielles Kapital zu bunkern.
Wer ist das nicht: ein bisschen habsüchtig und gut situiert? ein bisschen gestresst und besorgt, etwas oberflächlich, etwas willenlos die Versicherungsstrategien dieser Welt mitspielend? Wer ist nicht stolz auf volle Scheunen? Wer möchte nicht im Alter von „Vorräten" leben? Wer spürt nicht die geheime Faszination des „Vorletzten",
die mich von den „letzten" Fragen weglockt?
Will uns Jesus den Stolz darauf madig machen? Den Stolz, nicht auf volle Silos, eher auf volle Terminkalender, Zeitplaner, die mir beweisen, wie gefragt ich bin, auf volle Festplatten, auf volle Beziehungs-Kisten, auf Köpfe voller guter Einfälle, auf volle Versicherungsdepots, in denen ich mein Leben unter Dach und Fach bringe? Jesus greift mitten hinein ins blühende, ins verblühende Leben. Er erzählt von Menschen wie du und ich. Von unseren Sorgen, unserem Zeitdruck, von unserer stolzgeschwellten Brust, von unserer Vergesslichkeit. Und er zeigt zugleich, dass der moderne Mensch gar nicht so modern ist: es gibt ihn schon seit 2000 Jahren; er ist wirklich ein alter Bekannter.
Gott sei dank tritt einer im Gleichnis über die Markierung, die wir fein säuberlich um unser Privatleben gezogen haben: Gott, er tritt mir nahe wie ein Störenfried, ungefragt und ungebeten wie ein Dieb in der Nacht, schockierend wie ein Todesengel. Gott sei dank tritt Gott völlig unverborgen in diese meine kleine Welt, überschreitet die Tabuzone meines privaten Geschäftslebens und mit ihm kommt ein Thema ins Spiel, das an den Börsen und Landwirtschaftskammern, an den besitzstandorientierten Strukturdebatten der Gesellschaft und der Kirchen und in meinen eigenen vier Wänden kaum vorkommt:
Meine Zeit, die Ernten meines Lebens sind begrenzt; kein noch so großer Erfolg kann mich absichern vor dem Tod. Lehre mich, Herr, dass ein Ende mit mir haben muss und ich davon muss - vertont Johannes Brahms in seinem Deutschen Requiem die Moral, nein, die Weisheit von dieser Geschichte. Lehre mich, Herr, gelassen zu leben. Lehre mich, von Zeit zu Zeit zu fragen, worauf ich baue, worin ich investiere, was am Ende bleiben soll?
Gott sei dank stört Gott die Kreise dieses Workoholiks, der ja kein Bösewicht ist, der niemand etwas wegnimmt, der niemand ausgebeutet hat, nur so vergesslich, so furchtbar besorgt, nur so zeitvergessen. Und unter den Augen des lästigen Fragers wird der kluge Investor zum dummen Bauern.
Er ist ein Narr, weil er dummerweise die Rechnung ohne Gott gemacht hat; weil er sich an seine Ernten klammert und die verfließende Zeit übersieht.
Gott sei dank lässt Gott uns nicht allein mit unseren gut gemeinten Versicherungsgeschäften; er erinnert uns immer wieder heilsam an etwas, das wir eigentlich immer schon wissen und doch immer wieder verdrängen: ich habe mein Leben geschenkt bekommen aus Gott und werde es wieder verlieren an Gott.
Wir träumen von unbegrenzten Ressourcen und von gewaltigen Lebensernten und finden unser Glück doch nur in gesteckten Grenzen, in der Annahme unserer Begrenztheit, unserer Endlichkeit, im Aushalten nur halbgefüllter und manchmal auch nur von leeren Scheunen, in der gestundeten Lebensfrist, im Unterbrechen selbstquälerischer Gespräche durch Menschen, die mich bereichern und denen ich Zeit schenke, im Hören auf solche, die mir helfen, mit meinen Talenten verschwenderisch umzugehen statt sie zu deponieren.
So wie der Urlaub dem Arbeitstier Besinnung schenkt, so unterbricht Christus Sonntag für Sonntag meine um mich selbst kreisenden Selbstgespräche; er kommt meinem Dialog zuvor und bittet:
Darf ich stören?
Darf ich dich ablenken von dir?
Darf ich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen?
Darf ich deine leeren Hände füllen und deinen vollen Terminkalender durcheinander bringen?
Darf ich an mich erinnern?
Der Herr tritt über die Markierung und mischt sich ein in unsere inneren Angelegenheiten. Er ist unser Anlagenberater und mehr: er ist unser ganzer Reichtum. Seine Liebe können wir nicht bunkern in Vorratskästen; seine Liebe will immer neu erbeten und empfangen sein; und sie bleibt, wenn alles andere vergeht...

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Die Welt ist voll von ungelösten Problemen. Darum wollen wir Gott um seinen Beistand bitten:


* wir beten für die Mächtigen in Politik und Wirtschaft, deren Handeln für zahllose Menschen ein Leben in Würde oder in Armut und Ungerechtigkeit bedeuten kann...

Herr, erbarme dich ... Herr, erbarme dich!

* wir beten für den Papst und die Bischöfe, die ihre Stimme erheben zum Zeugnis für das Reich Gottes und für seine Wahrheit ...

* wir beten für alle, die von Tag zu Tag nicht wissen, wovon sie leben sollen

* wir beten für jene Menschen, die gefangen sind vom Streben nach Geld und materiellen Gütern und die die Verantwortung nicht mehr sehen, die Besitz mit sich bringt

* wir beten für die Menschen, die uns nahe stehen, deren Ängste und Sorgen wir kennen und wir beten für jene unter uns, die unbemerkt eine schwere Last mit sich tragen

Gott himmlischer Vater, in deiner Hand dürfen wir uns geborgen wissen.
Darum preisen wir dich jetzt und in der Ewigkeit. Amen