18. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

05.08.2007



Einleitung in die Eucharistiefeier

Was ich bin, das werdet ihr sein - lautet eine mittelalterliche Grabinschrift.
Der Lebendige, der am Grab steht, wird daran erinnert, dass er einmal an ähnlicher Stelle liegen wird.
Er wird daran erinnert, dass es etwas Unausweichliches in seinem Leben gibt: den Tod.
Solche Mahnung wirkt nur dann heilsam, wenn sie uns zu einer Besinnung führt und zu einem Staunen darüber, dass das Leben ein Geschenk ist.
Mögen die Psalmen Recht haben, dass es wie ein Hauch nur ist und rasch vergeht, aber dieser Hauch hat Anteil am Hauch Gottes, dem göttlichen Geist.
Somit atmet durch ihn die Ewigkeit Gottes schon längst in uns.
Dieser Hauch von Leben soll einmünden in das Leben Gottes, der Zeit und Ewigkeit zusammenführt. Ihn ehren wir mit dem Ruf um Erbarmen ...

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 12,13-21)

Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen.
Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Schlichter bei euch gemacht?
Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.
Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.
Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll.
Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.
Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens!
Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?
So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.

 

Predigt/Ansprache

Ich wollte an der Frau mit dem Kind einfach nur vorbei. Rein in die Kirche, die zu den kunsthistorischen Highlights zählt.
Ich wollte die beiden einfach nicht sehen: sie mit dem dunklen Kleid, das schlafende Kind im Schoss. Beide versperrten sie den Eingang, die Frau reckte Hand nach oben. Ich drückte mich vorbei.
Als ich die Kirche wieder verließ, war die Frau mit dem Kind verschwunden, nur noch das Pappschild stand da.
Anwesenheit und Abwesenheit der Frau haben mich dann nicht mehr losgelassen.
Hatte sie einen besseren, einträglicheren Platz gesucht?
Oder vielleicht schon genug verdient für den Tag?
Und was war mit dem Kind? Was es vielleicht krank?
Es hat mich das schlechte Gewissen gepackt.
Kein Wunder: denn ich hatte als Kind schon gelernt, dass ich mit anderen teilen soll.
Etwas teilen gehört sich einfach: Spenden für Erdbebenopfer, Aidswaisen oder Bürgerkriegsflüchtlinge sind für viele selbstverständlich.
Gerade auch im Christentum genießt diese Haltung Heimatrecht.
Die berühmtesten Heiligen sind Menschen gewesen, die geteilt haben: Martin, der seinen Mantel zerschneidet, Elisabeth von Thüringen, die Brot zu den Armen bringt, Mutter Teresa, die anderen Zeit und Fürsorge schenkt.
Drei Figuren mit Vorbildcharakter.
Kein Wunder, dass ich ein schlechtes Gewissen bekam.
Umso überraschender das Verhalten Jesu in der Geschichte, die wir im Evangelium gehört haben. Menschen kommen zu Jesus und rufen ihn als Streitschlichter an.
Es geht um einen Erbschaftsstreit. Schon vor zweitausend Jahren ein häufiger Konflikt: es wird nicht gerecht geteilt, einer fühlt sich benachteiligt.
Jesus soll Jesus ein Machtwort sprechen.
Aber der geht auf den Konflikt gar nicht ein.
Es scheint ihm egal zu sein, ob gerecht geteilt wird oder nicht.
Aber nicht aus Desinteresse oder Bösartigkeit, sondern aus einer zutiefst skeptischen Haltung heraus; einer skeptischen Haltung gegen Besitz und Eigentum überhaupt.
Jesus warnt: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier!
Und lapidar hält er fest: Besitz liefert keinen Sinn, ist kein Ersatz für die Frage nach woher und wohin und wozu; Besitz macht nur eines: gierig nach mehr.
Doch Vermögen und Überfluss geben dem Leben weder Richtung noch Tiefe, machen aus dem Leben nicht mehr, sonder weniger.
Dieser Jesus provoziert ganz gewaltig.
Ich halte Gerechtigkeit für wichtig, bemühe mich, sie immer wieder umzusetzen, auch wenn ich manchmal damit scheitere.
Doch dieser Jesus sorgt weder für Gerechtigkeit, noch fordert er zum Teilen oder gar zum selbstlosen Handeln auf.
Er hält einfach nur fest: Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.
Das ist offensichtlich auch ein Schlag in die Gesichter der Menschen, die von ihm einen Richterspruch erwartet hatten.
Jesus macht deutlich: wer sich ums Erbe streitet, wer einen Eiertanz um Besitz und Geld aufführt, der hat noch nicht kapiert, dass es darauf nicht ankommt.
Worauf kommt es an?
Mit der simplen Geschichte will das Jesus klar machen.
Da ist ein Bauer, der seine gewaltige Ernte in ebenso gewaltige Speicher steckt und sich dann ein schönes Leben machen möchte. Ironisch merkt Jesus an: der ist ein Narr, weil er vergisst, dass das Leben nicht nur einen Anfang hat, sondern auch ein Ende.
Und das Ende, der Tod, schon morgen an der Türschwelle stehen kann.
Was nützt dann noch der gefüllte Kornspeicher, das fette Bankkonto, die Kapitallebensversicherung?
Der Kommentar Jesu: so geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt,
aber vor Gott nicht reich ist. Jesu Quintessenz: Geld macht keinen Sinn. Es zu horten bringt buchstäblich nichts.

Genau hier entpuppt sich die Raffinesse der Geschichte. Denn Jesus kehrt in seiner Erzählung die üblichen Verhältnisse um.
Bei uns heißt es oft: du musst teilen, damit andere, Arme, Kranke, etwas zum Leben, zum Überleben haben.
Die Geschichte des reichen Mannes lässt nur einen Schluss zu: Ich muss teilen, damit ich selbst leben, überleben kann.
Eine wirklich ungewöhnliche Einsicht: es sind nicht die anderen, deretwegen ich teilen soll;
ich selbst bin es. Denn wenn ich abgebe von meinem Besitz, dann werde ich frei für Fragen nach Sinn, frei für das Nachdenken über den Tod, für Fragen, die wirklich wichtig sind -
und die letztlich vor Gott reich machen.
Plakativ formuliert lautet der Titel dieser Geschichte: Wer teilt, hilft sich selber.
Die fernöstliche Spiritualität hat es in die Worte gefasst: Um zum wahren Reichtum zu gelangen, muss man zuvor vieles verschenken.
Wenn ich nicht mehr gefüllt bin mit meinem Besitz, wenn nicht mehr voll bin und damit zu,
dann ist Platz für das Neue, dann kann mich der füllen, der das Leben ist und für mich Leben bereithält.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Zu Gott, der uns ins Leben gerufen und der uns seine Ewigkeit verheißen hat, rufen wir:


+ für die Sterbenden in ihrer Not
und für alle, die ihnen nahe sind und sich liebevoll um sie sorgen und mühen ...

Herr, über Leben und Zeit ... Herr, erbarme dich ...

+ für die politisch und gesellschaftlich Mächtigen, die Verantwortung tragen für die Gestaltung einer Gesellschaft, die solidarisch ist und die Würde eines jeden Menschen achtet ...

+ für jene, die den Sinn ihres Lebens nur im hier und heute sehen, und denen die Aufmerksamkeit für andere Dimensionen des Lebens abhanden gekommen ist ...

+ für die jungen Erwachsenen, die begonnen haben, eine Familie zu begründen und die unsicher
und mit Sorge in die Zukunft blicken ...

+ für alle, die ein Leid oder eine Not tragen, denen jeder Tag und jeder Atemzug schwer und belastet ist, die nicht froh nach vorne schauen können ...

Gott, du Geber alles Guten, wir danken dir für unser Leben und das Leben, das uns mit deinem Sohn Jesus Christus verbindet.
Durch ihn preisen wir dich jetzt und in der Ewigkeit. Amen