19. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

12.08.2007



Einleitung in die Eucharistiefeier

Im Leben lernt der Mensch zuerst das Gehen und Sprechen, später lernt er dann, still zu sitzen und den Mund zu halten - meint der französische Schriftsteller Marcel Pagnol.
Hier im Gottesdienst soll es nicht so sein, denn wir erinnern uns an den, der die Menschen vor dem Sitzen bleiben warnt, der sie zum Aufstehen ermuntert und auf den Weg schickt, der sie zu einem aufgeweckten und wachen Leben provoziert.
Wir erinnern uns an den, der mündige Menschen will, die zu Unrecht und Lieblosigkeit nicht schweigen, die seine frohe Botschaft weitererzählen.
Wenn wir Gottesdienst feiern, sollen wir bedenken, welche Schritte wir im Sinne Jesu
gehen wollen.
Hier dürfen wir den Mund öffnen für das Beten und Singen, für das Danken und Bitten.
So feiern wir miteinander, dass wir das Gehen und Sprechen nicht verlernen...

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 12,49-53 )

Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.
Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, droben im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.
Legt euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen!
Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft.
Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.
Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach - selig sind sie.
Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht.
Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
Da sagte Petrus: Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen?
Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt?
Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!
Wahrhaftig, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.
Wenn aber der Knecht denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht zurück!, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen; wenn er isst und trinkt und sich berauscht,
dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.
Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.
Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Predigt/Ansprache

Vor einer heimtückischen Krankheit besonderer Art hat der große Theologe und Arzt Albert Schweitzer gewarnt.
In einer Predigt aus dem Jahr 1909 beschreibt er diese Krankheit so:
„Ihr wisst, dass im Innern von Afrika die Schlafkrankheit herrscht.
Zuerst werden die Leute ein klein wenig matt, dann immer mehr und mehr, bis sie zuletzt immer wieder schlafend daliegen und an Entkräftung sterben.
Der berühmte Professor Koch aus Berlin war vor eineinhalb Jahren in jenen Gegenden, um die Schlafkrankheit zu studieren und entdeckte die Anfänge des Übels an vielen, die ihn deshalb auslachten und sagten, sie fühlten sich ganz wohl,
und er wusste doch ganz sicher, dass sie schon angesteckt waren und bedauerte, dass sie sich nicht in Pflege geben wollten.
So gibt es auch eine Schlafkrankheit der Seele, bei der die Hauptgefahr ist, dass man sie nicht kommen fühlt; darum müsst ihr auf euch achten.
Und wie ihr die geringste Gleichgültigkeit an euch merkt und gewahr werdet, wie ein gewisser Ernst, eine Sehnsucht, eine Begeisterungsfähigkeit in euch abnimmt, dann müsst ihr über euch erschrecken und euch klar werden, dass das davon kommt, dass eure Seele Schaden gelitten hat."
Die Schlafkrankheit der Seele - immer und überall besteht Ansteckungsgefahr.
Eine endgültige Immunisierung gegen dieses gefährliche Leiden gibt es nicht, jeder und jede von uns könnte schon infiziert sein.
Langeweile und Mutlosigkeit, Bequemlichkeit und Oberflächlichkeit, Kreisen um sich selbst,
die Augen verschließen vor den täglichen Aufgaben und Chancen, vor sich hinleben nach dem Motto: eine feste Burg ist unser Trott, nicht mehr hören und spüren, was Gott noch mit meinem Leben vor hat - das alles legt die Diagnose nahe: Schlafkrankheit der Seele.
Auch die Kirche könnte sich schon angesteckt haben: sich nur noch auf Bewährtes verlassen,
krampfhaft alte Strukturen festhalten, Denkverbote aussprechen und glauben, dass in den Lehrsätzen und Dogmen schon alles ein für alle Mal gesagt sei, sich - wie es in einem Kirchenlied heißt: im Schlaf der Sicherheit wiegen und von einer schönen Vergangenheit träumen - das alles sind Symptome dieser heimtückischen Krankheit.
Was kann man gegen sie unternehmen?
Wie kann man sich vor ihr schützen?
In einer kleinen Geschichte habe ich einen guten Rat entdeckt.
Ein Vertreter musste jeden Morgen mit der Bahn von London nach Sidcup in der Grafschaft Kent fahren, um dort Kunden zu besuchen. Aber sobald er im Zug saß, schlief er ein und verpasste es, an der richtigen Station auszusteigen.
So hängte er sich ein Schild um den Hals mit der Aufschrift: Bitte, wecken Sie mich in Sidcup.
Irgendwer war immer im entscheidenden Augenblick zur Stelle, der Schaffner oder ein Mitreisender; von nun an kam der Vertreter pünktlich an.
Wer auf seiner Lebensreise mit der Schlafkrankheit der Seele zu kämpfen hat, der braucht auch einen Weck-Dienst, der ihm sagt: Aufwachen und Aussteigen!
Wer ein bewusstes, erfülltes, sinnvolles Leben führen will, der braucht andere, die ihn wachrütteln, die ihm beim Aussteigen helfen - beim Aussteigen aus Gleichgültigkeit, Verschlossenheit und Selbstmitleid.
Auch die Kirche als ganze braucht einen Weck-Dienst, der ihr sagt: Aufwachen und Aussteigen!
Die Augen aufmachen und die Zeichen der Zeit entdecken!
Sensibel werden für die echten Fragen und Sorgen der Menschen, für ihre Verbitterung und Enttäuschungen!
Wegkommen von den eingefahrenen Denkmustern: alles muss bleiben wie es ist.
Und wenn sich schon etwas bewegen soll, dann wenigstens in der Richtung, die ich bestimmen kann.
Unser wichtigster Weck-Dienst ist immer noch Jesus, sozusagen der Schaffner unseres Lebenszuges.
Legt euren Gürtel nicht ab - werdet also nicht träge! sagt er.
Bleibt in Rufbereitschaft, damit ihr aufbrechen könnt, wenn euer Einsatz nötig ist.
Lasst eure Lampen brennen! sagt er.
Bleibt wach und haltet die Augen offen, damit ihr entdeckt, wo Gottes Reich sich entwickelt,
damit ihr das Kleine und Unscheinbare nicht überseht, aus dem etwas Großen werden soll.
Seid fromm! sagt Jesus nicht ein einziges Mal.
Aber Seid wachsam! das wünscht er sich immer wieder von seinen Freunden.
Wie ein waches Leben aussieht, das können wir ablesen an der Art, wie er mit den Menschen umgeht, wie er sie nach ihren Bedürfnissen fragt, wie er ihre heimlichen Sorgen und Nöte erkennt. Wie er sich aufgewecktes, für Gott empfängliches Leben vorstellt, erfahren wir in seinen Geschichten und Gleichnissen, in seinen aufrüttelnden Worten.
Dieser Jesus wirkt weiter in vielen, die uns auf unserer Lebensreise begleiten.
Meine Weck-Dienste sind all diejenigen, die mich mit ihrer Leidenschaft für die Sache Jesu anstecken, mit ihrer Ernsthaftigkeit im Glauben, mit ihrem überzeugendem Lebensstil, mit ihren Visionen und Hoffnungen, mit ihrer Art, das Schicksal zu meistern.
Weck-Dienste sind aber auch Gemeinden, in denen die Erinnerung an Jesus wachgehalten wird in lebendigen Gottesdiensten, im Austausch der Gedanken, im Einsatz füreinander.
Bitte wecken Sie mich!
Ich glaube, viele tragen heute meist unsichtbar ein solches Schild um den Hals.
Sie möchten herausgeholt werden aus der Schlafkrankheit ihrer Seele, aus ihrer Unzufriedenheit und Lethargie.
Wir haben ihnen einen Weck-Dienst anzubieten, der ihnen hilft, die Augen zu öffnen und umzusteigen in ein waches, bewusstes und erfülltes Leben.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Herr unser Gott, du begleitest uns auf dem Weg durch das Leben.
Dir können wir alles anvertrauen, was uns bewegt.
Darum bitten wir:


+ für alle, die sich um einen lebendigen Glauben mühen:
dass sie durch Widerstände und die Erfahrung von Gleichgültigkeit nicht mutlos werden,
sondern immer wieder deine helfende Nähe spüren ...

Herr, erbarme dich ... Herr, erbarme dich ...

+ für alle, die in diesen Wochen unterwegs sind und Erholung suchen:
dass sie sicher an ihre Ziele kommen und bereichernde Tage erleben ...

+ für alle, die in der Kirche mit einem Dienst beauftragt sind:
dass sie mit Sensibilität ihre Aufgabe wahrnehmen und mit dem rechten Wort zur rechten Zeit ihre Mitmenschen ermutigen ...

+ für alle, die in Situationen der Angst und der Ungewissheit leben:
dass sie Menschen begegnen, die in ihnen neu das Vertrauen wecken und sie wieder froh werden lassen ...

+ für unsere Verstorbenen:
dass sie für immer in der Lebensgemeinschaft mit dir bleiben und dass du uns alle mit ihnen zusammen führst bei dir ...

Gott unser Vater, unsere Heimat ist bei dir.
Lass uns dem Leben vertrauen, weil du es mit uns lebst.
Dafür danken wir dir durch Christus, unsern Herrn.

Segensgebet

wach sein und Chancen entdecken, die Gott in unser Leben hineinspielt
wach sein und nicht oberflächlich in den Tag hineinleben
wach sein und aufmachen, wenn jemand bei uns anklopft mit seiner Bitte und Frage
offen sein für jeden Anruf -
dafür segne uns Gott der Allmächtige, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen