23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

05.09.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wenn wir uns eben mit dem Kreuz bezeichnet haben, sollte das mehr gewesen sein als ein Ritual, das in unserer Gemeinde eben zum Anfang des Gottesdienstes gehört.
Das kreuz Jesu Christi ist das Siegel Gottes, das uns seit unserer Taufe begleitet.
In ihm sagt der Herr zu uns: „Du gehörst zu mir! Hab Mut! Ich bin an deiner Seite!"
Das kreuz Jesu Christi ist auch ein Wegweiser.
Auf ihm steht gleichsam: „ Komm folge mir! Ich zeige dir den Weg zu Leben!"
Jede Eucharistiefeier stellt das Kreuz Jesu aufs Neue mitten in unser Leben hinein.
Sterben, um zu leben: das war der Weg Jesu, und es ist der Weg seines Jüngers.
Zu Beginn unseres Gottesdienstes schauen wir auf das Kreuz unseres Herrn und rufen wir Jesus Christus an:

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 14,25-33 )

 

Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte: 
Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. 
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 
Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? 
Sonst könnte es geschehen, daß er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen. 
Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt? 
Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden. 
Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

Predigt/Ansprache

Haben die Zeilen des heutigen Evangeliums nicht etwas fürchterlich Enttäuschendes an sich? Wir hören kein Wort mehr von Gottes Liebe und Barmherzigkeit, von Gnade und Vertrauen Gottes zu den Menschen. Das Himmelreich funktioniert anscheinend nur nach dem harten Prinzip: „Gibst du mir, so geb' ich dir." Und jene, die sich dieser Selbstverleugnung und dem Selbstverzicht hingeben, begegnen uns oftmals als ebenso trostlose und freudlose Geschöpfe, die zwar stets von der Liebe reden, aber gar nicht fähig sind, sie zu leben, weil sie ja selbst nie etwas davon spüren.
Da ist es gut zu wissen, dass die Verkündigung der Frohbotschaft ein Werk von Gegensätzen ist, die eine große Spannung vermitteln, die uns Menschen in Bewegung halten. Die heutigen Zeilen sind ein Ausschnitt dieser Verkündigung. Dabei kann es sicher ein Reiz und eine Herausforderung sein, sie in ihrer Krassheit mal zu hören und vielleicht auch so stehen zu lassen. Doch soll es auch ein Anliegen der Betrachtung der Heiligen Schrift sein, ihre Botschaft ins Leben zu bringen, und das geht nicht, wenn sie uns als lebensfeindlich entgegenkommt.
Lukas, anscheinend ein begnadeter Stratege und Planer, mahnt die Zuhörerschaft, klug zu kalkulieren, um die Kosten fürs Gottesreich bestreiten zu können. Man muss ja nicht alles auf einmal auftreiben. Jesus ist in seinen Beispielen klar und deutlich. Wie viele Baumeister haben sich schon verrechnet, als sie einen Turm bauen wollten! Wie viele Könige und Feldherren haben trotz genauester Erkundigungen, Spionage und Beratungen über die Stärke ihres Feindes den Krieg verloren! Immer müssen wir damit rechnen, dass wir eine Situation oder unsere eigene Kraft falsch einschätzen.
Eine Fabel erzählt von einem Vogel, der auf seinem Rücken lag und beide Beinchen starr gegen den Himmel gestreckt hielt. Da kam ein anderer Vogel hinzu und fragte: Warum liegst du denn so komisch da? Warum ziehst du deine Beine nicht einfach an dich? Schwitzend vor Anstrengung antwortete er: Ich trage doch den Himmel mit meinen Beinen. Wenn ich meine Beine anzöge, würde das Ganze Gewölbe einstürzen. Kaum hatte er das gesagt, da fiel ein Blatt von der nahen Eiche leise raschelnd zu Boden. Darüber erschrak der Vogel so stark, dass er sich eilig aufrichtete und wegflog. Der Himmel aber blieb weiterhin an seinem Platz.
Wie oft haben wir auf unserem Lebensweg geglaubt, ganz sicher zu sein. Meine Verwandten oder Freunde, mein Beruf oder mein Einkommen, meine soziale Stellung oder meine Lebensversicherung werden mich schon halten und durch bringen. Wir tun so, als ob wir mit unseren Beinchen den Himmel trügen. Da fällt ein Blatt vom Baum - eine Freundschaft zerbricht, ein naher Verwandter wird plötzlich krank, der Vater wird arbeitslos, der Sohn oder die Tochter fällt im Examen durch, die Kirche zeigt sich in einer Ehescheidung unbarmherzig --, und schon erschrecken wir so sehr, dass wir fliehen und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Alle Kraft ist weg, mit der wir den Himmel tragen wollten; alle Sicherheit, die unserem Leben Halt gab, ist verschwunden.
Darum sagt Jesus: Verlasst euch auf mich: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht die Familie, ja so gar sein Leben nicht gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein". Jesus will uns nicht gegen unsere Angehörigen aufhetzen, Sondern uns sagen, dass er allein letzter Halt ist und Sicherheit gibt. Wir sollen ihm folgen, weil wir uns auf ihn verlassen können. Nicht wir tragen den Himmel, sondern der Himmel trägt uns. Auf seinen ganzen Besitz verzichten, um Jesu Jünger zu werden, heißt nicht allen Besitz verschenken, sondern sich von dem Wahn befreien, im materiellen Reichtum Sicherheit finden zu können. Jünger sein heißt auf Jesus Christus sein ganzes Vertrauen setzen.
Jesus weiß selbstverständlich, dass familiäre Beziehungen für viele Menschen eine Verankerung der Seele bedeuten und dass Harmonie mit sich selbst eine unersetzliche Voraussetzungen für gelingendes Leben darstellt. Was er uns in den Worten des Evangeliums sagen will, ist eine Rangordnung, ohne die es im Leben, in der Beziehung zu Gott nicht geht: Es kann Situationen, Formen der Berufung in die Nachfolge Jesu geben, wo uns das alles, was da aufgezählt wurde und uns für gewöhnlich auch wertvolle Begleitung und Stütze ist, im Wege stehen kann, ja wo einer sich selbst zur Behinderung bei seinem vollen Menschsein werden kann.
Es gibt nun einmal die paradoxe Situation, dass ein Mensch sich selbst zur Falle werden, sich selbst massiv behindern kann. Dies dann, wenn er das rechte Maß verliert, wenn er seine Fähigkeiten und Grenzen nicht richtig einschätzt, wenn er sich also in der Planung seines Lebens nicht „zuvor hinsetzt und die Kosten berechnet". Wenn jemand einem Trugbild von sich selbst nachläuft, die Kostbarkeit des eigenen Talents nicht wahrnimmt, neidvoll auf andere schaut und sich dann im weiten Land seiner eigenen Seele verirrt. „Sich selbst gering achten" bedeutet nicht Geringschätzung dessen, was einem zuteil geworden ist, sondern bildet eine Warnung vor Überschätzung oder Unterschätzung, die zum Fallstrick werden kann. In der Nachfolge Jesu stehen heißt nicht: Dieser Welt den Rücken zukehren. Jesus ruft uns, mitten in der Welt frei zu sein für sein Reich.

 

Pater Jose Nandhikkara CMI, z. Zt. Ferienvertretung in St. Michael

Fürbitten

Herr, unser Gott, dein Sohn hat uns, jeden auf seine Weise in deine Nachfolge gerufen.
Wenn wir darauf einsteigen, wissen wir, daß wir deiner Hilfe bedürfen.


Wir beten für die Menschen, die nach ihrem eigenen Gewissen eine Lebensentscheidung zu treffen haben.
Hilf ihnen, die Schwierigkeiten auf sich nehmen, die eine Entscheidung gegen hergebrachte Lebensweise oder gegen liebgewonnene Menschen mit sich bringt.

Wir beten für Menschen, die ihre eigene Entscheidung getroffen haben für dich:
laß sie in Treue in ihrer Entscheidung fest stehen.

Wir beten für Menschen, die sich schwer tun, eine Entscheidung zu treffen.
Gib ihnen deinen Heiligen Geist und einen Menschen, der sie begleitet.

Auch für die beten wir, die ihre getroffene Entscheidung ändern.
Daß sie nicht von sich selbst enttäuscht sind, sondern den Umbruch als Aufbruch zu Neuem sehen.

Wenn in diesen Ferien viele Menschen ins Ausland fahren, dann mögen sie wertvolle Eindrucke von der Vielfalt und des kulturellen Reichtums anderer Nationen mit nach Hause nehmen.

Du, Herr, begleitest, was wir wollen und tun.
Laß uns deine ständige Gegenwart erleben, die uns ermutigt, dich zu suchen.
In Christus unserem Herrn.