27. Sonntag im Jahreskreis / Erntedank, Lesejahr C

03.10.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Als vor einigen Monaten die europäische Verfassung beschlossen wurde, war ein Streit vorangegangen, ob ein ausdrücklicher Bezug auf das Christentum als das Fundament des heutigen Europa aufgenommen werden sollte oder nicht.
Bei den verantwortlichen Politikern fand sich dafür keine Mehrheit, obwohl viele Städte und Orte als Wahrzeichen Kirche mit ihren Türmen tragen. Kirche und Türme genügen offensichtlich nicht mehr, um ein Land als christlich erkennbar zu machen.
Der persönliche Glaube ist gefragt.
Hier und jetzt haben wir uns in diesem Glauben versammelt, um mit unserem Gott neu Beziehung aufzunehmen: um sein Wort zu hören, und von ihm Kraft zu erhalten für unser Glaubenszeugnis.
An diesem Tag wollen wir ihm auch danken, dem Geber alles Guten, für das was, was auf unserer Erde wächst zu unserem Nutzen und zu unserer Freude.
Ihn ehren wir als unsren Herrn, der Beziehung will zu uns und der deswegen einer von uns geworden ist.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 17,5-10 )

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben!
Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.
Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen?
Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken.
Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?
So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Predigt/Ansprache

Politik ist nicht die Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen.
Der das gesagt hat, saß als kritischer Denker im Gefängnis: der spätere tschechische Staatspräsident Vaclav Havel. Er ist einer jener Persönlichkeiten, die mit ihrem Engagement scheinbar Unmögliches ermöglicht haben. Menschen wie er, wie Karol Woityla aus Krakau, wie Lech Walesa, der Elektriker aus Danzig, und Michael Gorbatschow, der russische Landarbeiter, haben es geschafft, Mauern nieder zu reißen, die Deutschland und Europa, ja die ganze Welt, jahrzehntelang zweigeteilt haben. 15 Jahre ist das her.
Manche beklagen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen wir seitdem zu kämpfen haben. Und keiner scheint da zu sein, der heute Unmögliches möglich macht: dass Väter und Mütter wieder Arbeit finden und junge Menschen einen Ausbildungsplatz, dass die Rente reicht oder die Wirtschaft wieder anzieht.
Gründe genug, sich selbst und unsere Situation zu beklagen. Trotzdem wird sich keiner wünschen, die Zeit zurückzudrehen. Wir leben in einem Umfeld, das friedlicher, sicherer und lebensfreundlicher ist als je zuvor. Wir haben keine Nachbarn, von denen wir uns -und die sich von uns- militärisch bedroht fühlen müssten, wie das vor kurzem noch der Fall gewesen war.
Allein das ist Grund genug, mit Herz und Mund aufrichtig Danke oder Vergelt's Gott zu sagen: denen, die Gelegenheiten am Schopf gepackt, etwas verändert und neugestaltet haben;
die für Ost und West neue Horizonte geöffnet haben und all denen, die seither dazu beigetragen haben, dass unser Land, dass Europa und die Welt weiter zusammenwächst.
Wir haben Grund, dankbar zu sein: wer Arbeit hat, für seine Arbeit, und wer keine hat, dafür, dass ihn andere in dieser schweren Lage unterstützen und fördern. Für gesundes Wasser und Nahrung, für die Sonne am Himmel und den Regen auf den Feldern, für Kartoffel und Tomaten, für Äpfel und Brombeeren, für die Musik im Radio, das Gespräch am Telefon und die persönliche Begegnung mit einem Menschen, der uns am Herzen liegt.
Es gibt Menschen, von denen kann man das danken lernen. Etwa von dem Lokführer,
den sein Kollege in aller Herrgottsfrühe verwundert fragt: Wie kann man denn um diese Zeit schon fröhlich pfeifen? Und der antwortet: Stell dir vor, du könntest nicht aufstehen, es ist doch ein freudiges Erlebnis, gesund aufstehen zu können und dem Sonnenaufgang entgegen zu fahren. Das Leben ist schön!
Und dann sagt er: Das Wichtigste im Leben ist doch, dass du gebraucht wirst. Denn das ist der Sinn des Menschen: für andere da zu sein.
Dankbarkeit ist keine Frage der äußeren Umstände; Dankbarkeit ist eine Frage der inneren Einstellung. Sie macht nicht blind dafür, dass andere im Krieg und Elend leben.
Im Gegenteil: auch für sie soll das Unmögliche möglich werden.
Die Jünger haben Jesus gebeten: Stärke unseren Glauben! Diese Bitte soll unsere werden: stärke unseren Glauben, dass heute das Unmögliche möglich wird: in der Ehe, in der Familie, am Arbeitsplatz, im Bekanntenkreis, in der Gemeinde, in unserer Gesellschaft, und in der weiten Welt.
Heute trennt uns hierzulande nicht mehr eine Mauer aus Beton und Stacheldraht; es ist die Mauer im Kopf, die uns trennt von dem Armen im Land. Es ist die Mauer im Kopf, die Christen aufspaltet in Protestanten, Katholiken und Orthodoxe, die Abrahams Kinder trennt in Juden, Christen und Muslime; die Gottes Kinder trennt in Gläubige und Ungläubige, die uns trennt in uns Gute und die anderen Bösen.
Das Lukasevangelium reißt solche Mauern ein, indem es dazu aufruft, die Welt mit den Augen der anderen zu sehen. Jesus heißt nicht die Sklaverei gut; er fordert die Apostel auf, sich selbst als Sklaven zu sehen, die Welt wahrzunehmen aus der Perspektive der Armen und Schwachen.
Jesus war kein Politiker, auch wenn ihn manche gerne dazu gemacht hätten. Jesus war ein Glaubender, der andere zum Glauben ermuntert hat - durchaus auch mit politischen Konsequenzen.
So möchte ich einmal das Wort von Vaclav Havel ändern. Statt: Politik ist nicht die Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen will ich sagen:
Glaube ist nicht die Kunst des Möglichen, sondern des Unmöglichen.
Diese Kunst ist kein Ergebnis menschlicher Anstrengung, sondern ein Geschenk aus der Hand Gottes. Ihm die Veränderung zuzutrauen, das ist Glaube. Wer auf Gott vertraut, wird erleben, dass Unmögliches möglich wird; wird erleben, dass Mauern zwischen Menschen fallen; wird erleben, dass die lachen, die jetzt weinen müssen; dass die satt werden, die jetzt hungern müssen; dass das Reich Gottes und seine Liebe denen gehört, die in den Augen der anderen Habenichtse sind.
Wer auf Gott vertraut, wird erleben, dass Tote zu einem neuen Leben auferstehen.
Wer auf Gott vertraut, hat viele Gründe, Gott dankbar zu sein nicht nur an einem Erntedanksonntag. Glaube ist die Kunst des Unmöglichen....
Man muss nur sehen können, was alles möglich wird, wenn Unmögliches wahr wird.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben!
Im gleichen Vertrauen wie sie beten wir heute:


• für die politisch Verantwortlichen in unserem Land, in ganz Europa und auf der weiten Welt:
um ein sicheres Urteil über das, was gerecht und gut ist für die Völker, und um die Kraft, das als richtig Erkannte in die Tat umzusetzen...

Herr, erbarme dich ... Herr, erbarme dich

• für die Repräsentanten der Kirche in der Öffentlichkeit:
um einen wachen Blick für das, was diese Zeit an Wegweisung und Hilfe braucht, und um den Mut zum Zeugnis für Gottes Liebe zu allen...

• für die Menschen in unserem Land, die am Rand stehen, weil sie beruflich keine Chance haben, und für die Menschen, die als Flüchtlinge hier ein Leben in Würde und Freiheit erhoffen...

• für die jungen Menschen, die Orientierung suchen und deren Einstellungen und Handeln die Zukunft unserer Welt prägen werden...

• für all jene, denen wir in Dankbarkeit verbunden sind, weil sie uns im Leben mit all seinen Höhen und Tiefen begleiten, für all jene, die uns nicht im Stich lassen, sondern trotz unserer Schwächen zu uns stehen...

• für unsere Toten, deren Verlust noch immer weh tut, denen wir vieles verdanken an Chancen für das Leben und seine Gestaltung.

Gott, in deinen Händen liegen die Geschicke der Welt und der Menschen.
Auf dich bauen und dich preisen wir in dieser Zeit und bis zur Ewigkeit.