29. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

17.10.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wir leben in einer Zeit, in der einerseits fast alles machbar erscheint, und wir erfahren andererseits, dass die Menschheit geradezu machtlos ist angesichts der großen Probleme von Kriegen und Hungersnöten ganzer Völker.
Die Kenntnisse und Möglichkeiten, die uns Wissenschaft und Technik in die Hand geben, haben in vielen Bereichen das Gottvertrauen früherer Zeiten abgelöst. Die neuen Probleme führen uns drastisch vor Augen, dass wir trotz allen Fortschritts nach wie vor der Hilfe Gottes bedürfen.
Als Christen dürfen wir uns unserer Grenzen bewusst sein, weil Gott alle Grenzen öffnen kann. Darum kommen wir hier zusammen, um unseren Herrn um sein Erbarmen zu bitten...

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 18,1-8 )

Jesus sagte ihnen durch ein Gleichnis, dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten:
In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und auf keinen Menschen Rücksicht nahm.
In der gleichen Stadt lebte auch eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!
Lange wollte er nichts davon wissen. Dann aber sagte er sich: Ich fürchte zwar Gott nicht und nehme auch auf keinen Menschen Rücksicht; trotzdem will ich dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mich ins Gesicht.
Und der Herr fügte hinzu: Bedenkt, was der ungerechte Richter sagt.
Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?
Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde Glauben vorfinden?

Predigt/Ansprache

Kennen Sie die Geschichte von Choni, dem Kreiszieher, der vor vielen Jahrhunderten in Jerusalem lebte und der - wie wir heute sagen würden - bei Gott ein Stein im Brett hatte? Ich möchte sie Ihnen erzählen.
Eines Tages, sagte man zu Choni, dem Kreizzieher: Bete, dass Regen falle! Darauf betete Choni, aber es kam kein Regen. Was tat er dann? Er zog einen Kreis, stellte sich hinein und sprach: Herr der Welt, deine Kinder haben ihre Augen auf mich gerichtet, als wäre ich wie ein Sohn in deinem Haus. Ich schwöre bei deinem großen Namen, dass ich mich nicht von hier wegrühre, ehe du dich deiner Kinder erbarmt hast und es regnen lässt.
Da begann der Regen zu tröpfeln. Choni aber sprach: Nicht so habe ich verlangt, sondern Regengüsse für Zisternen, Gruben und Höhlen! Da begann es stürmisch zu regnen. Und wiederum sprach Choni: Nicht so habe ich es verlangt, sondern Regengüsse des Wohlwollens, des Segens und der Milde. Nun regnete es gehörig, und die Israeliten zogen sich vor dem Regen auf dem Tempelberg zurück.
Was Choni hier macht, ist eigentlich eine Erpressung Gottes. Er tritt in den Kreis und sagt, er gehe nicht von der Stelle, ehe Gott es nicht regnen lasse. Allerdings handelt er nicht aus Übermut, um Gott auf die Probe zu stellen, sondern weil die Leute ihn darum gebeten haben. Sie sahen sich in Not, weil es seit Wochen nicht mehr geregnet hatte und die Zisternen und Brunnen der Stadt leer waren. Außerdem hatte es Choni zuvor schon mit einem einfachen Gebet probiert, auf das Gott aber nicht reagiert hatte.- Also greift er zum letzten Mittel, das ihm einfällt. Er spricht Gott bei seiner Ehre an, weist ihn darauf hin, dass viele Gläubige auf ihn schauen und er stellt sich mit seinem ganzen Leben, mit allem was er ist und hat, hinter sein Gebet.
Und noch etwas hat Choni getan: er begründet seine Bitte damit, dass die Gläubigen ihm vertrauen, als sei er selbst der Sohn Gottes, der also zur Hausgemeinschaft mit Gott gehört, der eine ganz enge Beziehung zu Gott hat und dem Gott keine Bitte abschlagen kann.
Die Geschichte erinnert an unser Gleichnis um ungerechten Richter und der bittenden Witwe. Hier wie dort steht ein Mensch in einer existentiellen Not vor dem, der helfen kann. Nach einer Enttäuschung zu Beginn erleben beide, wie sie mit ihrer Hartnäckigkeit zum Ziel kommen und ihre Bitte erhört wird.
Im Gleichnis wird der Richter als rücksichtslos gezeichnet, als wenig vertrauenswürdig, weil er seine Entscheidungen aus Willkür trifft und nicht aus Verantwortung für den Menschen vor Gott oder vor dem Gesetz. Wenn er sich entschließt, eine Bitte nicht zu hören, so hat er auch Macht genug, die Klage einfach unter den Tisch fallen zu lassen.
Natürlich ist diese Gestalt typisiert. Man erfährt nichts über die Motive, die den Richter bewogen haben, die Klage nicht zu beachten. War es Bequemlichkeit? Wollte er sich die Gegner der Witwe nicht zu Feinden machen? Oder wurde er gar von ihren Gegnern bestochen? Deutlich wird nur, dass er die Klage der Witwe willkürlich auf sich beruhen lässt. Die Witwe aber, die mit einem solchen Menschen zu tun hat, dem sie nicht vertrauen kann und dem sie doch ihr Leben anvertrauen muss, gibt trotzdem nicht klein bei. Sie hat keine andere Chance, als immer wieder vor diesem Richter zu erscheinen und ihm mit ihrem Anliege so lange zu traktieren, bis er sich endlich ihres Problems annimmt. Außer ihrer Beharrlichkeit hat sie ja keine anderen Hilfsmittel zur Verfügung.
Die Beharrlichkeit war es wohl, die Jesus dazu bewogen hat, sie den Jüngern als Vorbild hinzustellen für ihre Gebete.
Jesus spricht in unserem Evangelium vom unablässigen Gebet. Was meint er damit? Gemeint ist doch wohl das Leben selbst, das als Gebet zu führen ist. Martin Luther hat es so formuliert: Wie ein Schuster einen Schuh machet und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten. Eines Christen Handwerk ist beten. Gedacht ist also ein Leben im Angesicht Gottes; gedacht ist an ein Leben, das alles von Gott erwartet und vor dem Menschen sich und ihr Tun vor ihm verantworten.
Gebet reicht demnach bis in die kleinsten Dinge des Alltags hinein.
Gott lädt dazu sein, seine Hauskinder zu sein, wie der Kreiszieher Choni eines war. Das heißt auch, dass Gott sich durch unsere Bitten nicht genervt fühlt, sich vielmehr darüber freut, wenn wir mit unseren kleinen und großen Bitten und Fragen uns an ihm wenden. Denn er ist nicht wie ein ungerechter Richter, sondern er ist der liebende Vater. In seinen Augen gelten wir nicht so wenig wie die Witwe in den Augen des ungerechten Richters. Im Gegenteil er sieht in uns seine Auserwählten. So will uns Jesus mit diesem Gleichnis Mut machen, unser Leben zu führen im Angesicht Gottes, unter seiner Federführung und in Verantwortung vor ihm und darin Jesus nachfolgen als seine Jüngerinnen und Jünger. Als Gottes Hauskinder dürfen wir darauf vertrauen, dass er uns antwortet. Das Gleichnis macht Mut zum Glauben, zur Beharrlichkeit. Es macht Mut, Gott zu vertrauen und sich im Gebet hartnäckig an ihn zu wenden. Würde der Herr solchen Glauben finden, wenn er jetzt käme?
Der Schriftsteller Heinrich Böll hatte einmal einen Vertrag gehalten über das Thema Das Ende der Bescheidenheit. Mit diesem Gleichnis, das wir heute gehört haben, hatte er den Vortrag begonnen. Das Ende der Bescheidenheit - Gott selbst lädt uns ein, unser Beten nicht dem Maßstab der Schicklichkeit und Bravheit, der Lauheit und der demütigen Bescheidenheit zu unterwerfen. Wir dürfen vor ihm penetrant sein in unseren Anliegen, penetrant, bis wir die Mauer zu ihm durchstoßen und ihn erreichen, dann er geben, was er geben will, Gnade über Gnade.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Jesus lehrt uns, beharrlich Gott in unseren Anliegen zu bitten. so beten wir jetzt:


• für unsere Kirche, für alle, die sich in ihr engagieren, damit der Glaube in dieser Welt lebendig bleibt und seine Kraft entfalten kann.

Herr, erbarme dich ... Herr, erbarme dich!

• für die Armen und Machtlosen in dieser Welt, deren Leben gezeichnet ist von Ungerechtigkeit und Not und die keine Perspektiven entdecken für ihr Leben.

• für die Menschen in unserem Land, die benachteiligt sind oder sich benachteiligt fühlen, für jene, die vergeblich einen Arbeitsplatz suchen, für alle, die um ihren Arbeitsplatz bangen und die ohne Vertrauen in die Zukunft schauen.

• für die Menschen, denen der Tod einen lieben Menschen genommen hat, für jene, denen eine Krankheit oder das Zerbrechen einer Beziehung alle Sicherheit genommen hat...

Barmherziger Gott, das Wort Deines Sohnes gibt uns den Mut, dich um Hilfe zu bitten.
Du hast die Macht, alles zum Guten zu wenden.
Dir gebührt Lobpreis und Ehre, jetzt und in der Ewigkeit. Amen

 

Segensgebet

Es segne euch, der alles in Bewegung setzte.
der euch beim Namen gerufen hat.
der mit den Sündern speiste.
der euch das Brot brach.
der die Gebeugten aufrichtet.
der euch heilen und heiligen will.

Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.