30. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

29.10.2007



Einleitung in die Eucharistiefeier

Unsere Zeit ist geprägt von großer Ratlosigkeit im öffentlichen wie im privaten Leben.
Was ist richtig und was ist verkehrt? Was hilft und bringt die Menschen voran?
Hunger und Armut, Krieg und Terror scheinen unausrottbar zu sein.
Die Zahl der Drogenabhängigen und der Selbstmordgefährdeten sprechen beredt von der Hilflosigkeit der Menschen, mit den Lebensproblemen umzugehen.
Da haben wir Christen eine große Aufgabe: einerseits unser eigenes Leben anzunehmen
und an der Stelle, an der wir stehen, Zeugen dafür zu sein, was es heißt: ein Christ zu sein, einer, der erlöst ist, einer, der eine gute Botschaft gehört und angenommen hat; und andererseits anderen an der Freude der Hoffnung Anteil zu geben.
In dieser Feier wollen wir danken für das Geschenk des Glaubens und den Herrn für jene bitten, die auf der Suche sind nach einer tragfähigen Grundlage für Leben und Glauben.

 

Erste Lesung (Sir 35,15b-17.20-22a )

Er ist ja der Gott des Rechts, bei ihm gibt es keine Begünstigung.
Er ist nicht parteiisch gegen den Armen, das Flehen des Bedrängten hört er.
Er missachtet nicht das Schreien der Waise und der Witwe, die viel zu klagen hat.
Die Nöte des Unterdrückten nehmen ein Ende, das Schreien des Elenden verstummt.
Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift und Recht schafft als gerechter Richter.

 

Predigt/Ansprache

Wir haben die Lesung aus dem sogenannten Buch Jesus Sirach gehört.
Jesus Sirach ist ein Weisheitslehrer, der sein Werk vermutlich um 180 vor Christus in Jerusalem verfasst hat. Er stellt eine lockere Sammlung von Lebens- und Verhaltensregeln zusammen, die sich an die Jugend richtet, um sie auf die Schwierigkeiten und Aufgaben vorzubereiten, die vor ihnen liegen.
Er steht fest in seiner jüdischen Religion und verbindet das in großer Offenheit mit den Problemen seiner Zeit.
Erinnern Sie sich! Er hat in unserem Text Gott als einen Gott der Gerechtigkeit beschrieben,
der den Armen, den Notleidenden und den am Rand der Gesellschaft stehenden bedingungslos zugewandt ist und ihnen Recht verschaffen will.
Gott ruht nicht, bis dieses Ziel erreicht ist, schreibt Ben Sira, wie er in der hebräischen Bibel bezeichnet wird.
Gott liebt seine Schöpfung und in ihr seine Söhne und Töchter.
Er hört die Klagen und sieht die Ungerechtigkeiten.
Er will, dass alle leben können.
Wir dürfen darauf vertrauen, dass er auf unserer Seite steht und uns auf den Wegen des Lebens begleitet.
Das ist die heilenden und wohltuende Botschaft des Gottesbildes von Jesus Sirach.
Jesus von Nazareth, der gut zweihundert Jahre nach Sirach seine Wanderpredigten für das Reich Gottes aufnimmt, steht ganz in der Tradition der alten Meister, der Weisheitslehrer und Propheten des jüdischen Glaubens.
Aber, wie wir wissen, geht er weiter und radikalisiert die alten Lehren und Weisheiten, die in seiner Zeit zu verwässern drohen und häufig der Beliebigkeit ausgesetzt sind.
Auch er spricht in seinen Bildern, Gleichnissen und Beispielen vor einem Gott, der gerechte Verhältnisse für die Menschen fordert.
Im Beispiel vom Pharisäer und Zöllner beschreibt er, dass vor Gott andere Regeln gelten
als bei irdischen Machthabern und den von ihnen geschaffenen Randordnungen.
Nicht der Selbstgefällige findet vor seinen Augen Gnade, sondern derjenige, der seine Grenzen anerkennt und sich voller Vertrauen auf die Gnade Gottes zu seinen Fehlern und Sünden bekennt.
Jesus beschreibt uns immer wieder Gott als unsren Vater, der uns zugewandt ist und dem wir uns anvertrauen dürfen.
Wir alle sind von ihm geliebt und gerettet. Er will das Heil der Welt, er will Gerechtigkeit für alle.
Jesus stellt in seinen Predigten aber auch dar, dass das Heil der Welt nicht von selbst kommt,
sondern dass wir aufgerufen sind, alles zu tun, was in unserer Kraft steht, um gerechte Verhältnisse herzustellen und die Bewahrung der Schöpfung zu sichern.
Als Christen stehen auch wir heute noch in der Tradition der Bibel, der Weisheiten und Regeln zur Lebensbewältigung.
In der Nachfolge Jesu müssen wir nach diesen Überlieferungen handeln und nach seinem Geist und Beispiel agieren.
Das ist die Herausforderung zur Gestaltung der Welt. Gerechtigkeit für alle zu schaffen, ist schon immer eine Option der Kirche gewesen.
In zahlreichen Dokumenten und Sozialworten wurde das immer wieder betont und auf die jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten hin aktualisiert.
Das war notwendig, weil oft genug die Gefahr bestand, dieses Element des christlichen Lebens außer acht zu lassen.
So heißt es zum Beispiel in einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, das vor über vierzig Jahren stattfand und bis heute Verbindlichkeit für die Kirche hat:
Die gesellschaftliche Ordnung und ihre Entwicklung müssen sich dauernd orientieren am Wohl der Personen. Denn die Ordnung der Dinge muss der Ordnung der Personen dienen und nicht umgekehrt.
Jesus selbst deutet es an, als er sagte, der Sabbat sei um den Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Die gesellschaftliche Ordnung muss sich ständig weiterentwickeln. Sie muss in Wahrheit gegründet, in Gerechtigkeit aufgebaut und von der Liebe beseelt werden und muss in Freiheit ein immer humaneres Gleichgewicht finden.
Um das zu verwirklichen, sind Gesinnungswandel und weitreichende Änderungen in der Gesellschaft notwendig.(nach Gaudium und Spes 26)
Das Gottesbild des Jesus Sirach von einem Gott, der gerechte Verhältnisse für alle will, und die Forderungen zur Weltgestaltung durch Jesus Christus sind in unserer Zeit so aktuell wie nie zuvor.
Die Kluft zwischen Arm und Reich wird trotz aller Bemühungen nicht kleiner.
Das Verhältnis zwischen den Ländern des Südens und des Nordens ist nicht ausgeglichen.
Aber auch innerhalb der Gesellschaften gibt es scheinbar unüberbrückbare Unterschiede.
In den sogenannten Dritte-Welt-Ländern gibt es auf der einen Seite den Überfluss der wenigen Reichen und auf der anderen Seite den größeren Anteil derer, die in Armut und Not leben oder gar von jeglichem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen sind.
Aber auch in unserer Gesellschaft finden wir Arme und Reiche.
Die Zahl derer steigt, die nicht wissen, wie sie in Würde leben können, wie das lebensnotwendige für die nächsten Tage sichern können, ja, die materielle Not in unserem Land nimmt zu, nicht nur die geistliche und seelische Not.
Wir müssen nur genau hinsehen, dann sehen wir auch die wirklich Armen in unserem Umfeld.
Besonders für jene unter uns, die nicht Mangel leiden, heißt es: Wenn wir unser Leben aus dem Glauben heraus gestalten wollen, müssen wir das Geben lernen.
Angesichts der Kompliziertheit und Komplexität der globalen Welt resignieren viele.
Und in ihrer Resignation flüchten sie in den Wohlstand und verschließen sich so dem Auftrag der Weltgestaltung.
Was soll ich denn tun? Das bringt doch nichts, Mir ist es wichtig, dass ich mein Leben lebe!
So oder ähnlich sieht das Lebensprogramm von manchen aus.

Wer sich aber auf die Nachfolge Jesu einlässt, der wird nicht mit einem solchen Welt- und Menschenbild leben. Jesus überfordert uns nicht, aber er lädt uns ein, das Leben und die Welt zum Guten zu gestalten.
Wer in seinem Sinn und Geist handelt, der verzweifelt nicht, auch dann nicht, wenn die Erfolge nicht sofort sichtbar werden, wenn die Saat nicht sofort aufgeht und Früchte trägt.
Aber wer so lebt, dass alle leben können, kann auf Dauer selbst glücklich werden.
Wer sich erbarmt, wird Erbarmen finden.
Wenn man sich auf die Seite der zu kurz Gekommenen stellt, dann kann man durch einen solchen Perspektivenwechsel die Entdeckung machen, dass das Leben und der Lauf der Dinge
in der Geschichte einen tieferen Sinn in sich bergen.
Glauben, leben, geben - diese drei Begriffe bringen auf den Punkt, was Weltmission heute bedeutet.
Glauben, leben, geben - darum geht es auch im Gottesdienst.
Wenn wir uns gegenseitig im Glauben stärken, miteinander unser Leben bedenken und in der Kollekte abgeben von dem, was Menschen in Afrika, Asien und Ozeanien so dringend benötigen.
Die heilige Therese von Lisieux ist 1897 gestorben.
Die längste Zeit ihres Lebens war sie krank und wäre doch so gerne von ihrer Ordensgemeinschaft in die Missionsarbeit geschickt worden.
Auf dem Sterbebett hat sie gesagt: Ich will, dass es nach meinem Tod rote Rosen vom Himmel regnet.
Die Rose ist ein Zeichen der Zuwendung und Liebe.
Das soll es vom Himmel regnen, wenn wir glauben, leben und geben.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Weil der Herr für alle, die ihn suchen, das Heil bereithält, beten wir zu ihm:


+ für unsere Täuflinge dass sie in den christlichen Glauben hineinwachsen und ihn als bestimmende Lebenskraft erfahren, die ihr Wesen prägen ...

Christus, höre uns ... Christus, erhöre uns ...

+ für die Eltern und Paten dieses Kindes und für jene, die eine solche Aufgabe übernommen haben:
dass sie den heranwachsenden jungen Menschen den Glauben vorleben und ihnen gute Wege zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit aufzeigen ...

+ für alle, die sich in den Dienst der Verkündigung gestellt haben,
für Priester, Diakone und Ordensleute, für Religionslehrer und Katechisten:
dass sie unermüdlich eintreten für die Freiheit und Würde aller Menschen ...

+ für die Menschen in den jungen Kirchen der Missionsgebiete:
dass ihnen die Freude am Glauben erhalten bleibt und sie wie Sauerteig in ihren Ländern wirken
und so den Glauben weitergeben können ...

+ für alle, die auf der Schattenseite des Lebens stehen,
für alle, die in den Krisengebieten der Erde leben und denen einen sorgenfreies und glückliches Leben versagt ist:
dass die Hoffnung auf eine Änderung zum Guten sie ausharren lässt
und sie vor aller Verzweiflung bewahrt ...

+ für alle, die um ihren Glauben ringen und auch für jene, die ihn verloren haben:
dass sie ihrem Gewissen folgen und in ihm die Verpflichtung zu einem guten Miteinander entdecken ...

Herr Jesus Christus, du bist es, der unser Leben mit Licht und Freude füllen kann.
Dich preisen wir jetzt und in der Ewigkeit. Amen