31. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

31.10.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Fest und Freude gehören zusammen. Die Erinnerung an ein schönes Fest und die Vorfreude auf ein gelingendes Fest werfen einen hellen Schein auf den Alltag. Unsere sonntägliche Eucharistiefeier, Gottes Einladung an uns, möchte unser Herz hell machen.
Im Wort, das uns verkündet wird, ist ER, Gott, mitten unter uns. Unter den Zeichen von Brot und Wein schenkt ER sich uns. Unser Dank und Lob verbinden uns mit IHM und miteinander und machen uns zu Zeugen dafür, dass ER wirklich ein Freund des Lebens ist...

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 19,1-10)

Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt.
Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.
Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.
Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen mußte.
Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muß heute in deinem Haus zu Gast sein.
Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.
Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.
Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.
Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.
Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

Predigt/Ansprache

Ein grüner Fleck, eine Oase mitten in der Wüste, das ist die Stadt Jericho. Zurzeit Jesu war sie Knotenpunkt verschiedener Strassen und beherrscht den Übergang vom Ost- zum Westjordanland. Damit war es ein wichtiger Zollplatz. Unter der Römerherrschaft mussten die Menschen nicht nur Boden- und Kopfsteuern zahlen, sondern auch noch Eingang-, und Ausgangs- und Durchgangszölle. Die Zollpfründe war an den Meistbietenden verpachtet; eine bestimmte Pachtsumme musste er an die Römer abführen, was er für sich herausholte, interessierte die Besatzungsmacht nicht. Ein leitender Zollpächter hatte Mitarbeiter, die die Leute auspressten, die Gewalt anwendeten, die Chefs mussten sich die Hände nicht schmutzig machen.
Ein solcher Oberzöllner war Zachäus. Sehr reich, unbeschreiblich verhasst und verachtet, schon deshalb weil er für die Fremdherrschaft arbeitete; nicht nur ein kleiner Betrüger, sondern ein dicker Fisch. Das muss man wissen, um zu verstehen, was für einen Skandal Jesus mit seinem Vorstoß riskiert hat. Etwa so als hätte er sich bei dem berüchtigten FlowText-Chef eingeladen, der sich mit Millionenbetrügereien seine sechs sündteuren Autos, seine Jacht und seine Ferienbungalows auf den interessantesten Ferieninseln ergaunert hat. Diese Größenordnung gilt, wenn wir von Zachäus sprechen.
Und doch gibt es da einiges, das nicht in das Bild eines hart gesottenen Großbetrügers passt. Welcher Finanzdirektor klettert schon auf einen Baum, um eine very important person zu sehen? Dieser Zachäus aber macht sich todlächerlich, um diesen galiläischen Rabbi zu sehen. Er rennt voraus und setzt sich auf einen Baum, von wo aus er allen überblicken kann und doch in Deckung bleibt. Wir haben im Ohr das Witzeln und Gespött über den kleingeratenen Finanzier. Aber der ist viel gewöhnt und lässt sich nicht abhalten.
Der Gipfel des Skandals: Jesus geht vorbei, schaut hinauf, spricht den Zachäus an und lädt sich selber bei ihm ein. Bei so einem! Bei diesem Mammondiener, diesem Volksfeind und Ausbeuter. Das verstößt ja gegen Recht und Gesetz, gegen Sitte und Ehre. Gibt es nicht genügend anständige Leute in Jericho, die ihn beherbergen würden?
Doch ohne Rücksicht auf die fromme Empörung, das Gerede und Tuscheln geht Jesus mutig auf Zachäus zu und bitten ihn um seine Gastfreundschaft. Das macht nun auch den Zachäus mutig: nichts wie herunter vom Baum, das Tor weit aufgemacht und zu Tisch geladen. Voll Freunde nimmt er Jesus bei sich auf.
Jesus hat auf das Gute im geächteten Oberbetrüger gesetzt und er wird nicht enttäuscht. Der bis jetzt raffgierige, der den Hals nicht voll kriegen konnte, reißt das Ruder seines Lebens um 180 Grad herum. So maßlos er in seinem Habenwollen war, so großzügig ist er ins einer Wiedergutmachung. Er tut mehr als das Gesetz verlangt. Und dies, ohne das Jesus bußgepredigt, gekanzelt oder belehrt oder gar Strafe androhte oder missioniert hätte; einfach durch sein Handeln, mit dem er die Mauer der Ächtung und Verachtung durchbrach. Auch keine indiskrete Anbiederung, keine plumpe Zudringlichkeit, keine gönnerhafte Beseelsorgung, sondern einfach Respekt vor dem Wert des anderen in den Augen Gottes. Das ist sein wichtigstes Anliegen: Ich bin gekommen, das Verlorene zu suchen und zu retten. Für die vor allem bin ich da. Ein dauernder Streitpunkt mit den Pharisäern.
Aber da gibt es noch etwas, was uns interessieren müsste: Warum um alles in der Welt vergisst ein steinreicher Finanzdirektor jede Konvention, rennt die Hauptstrasse von Jericho entlang und schwingt sich auf einen Baum, nur um diesen Jesus nicht zu verpassen? Die Sache hat offenbar eine Vorgeschichte: Zachäus hat von Jesus gehört,wie er von Gott als dem erbarmenden und liebenden Vater redet, also ganz anders als die Schriftgelehrte und Pharisäer. Das hatte sich in Jericho schon herumgesprochen, auch in den sogenannten feinen Kreisen. Ja, ein solcher Gott, ließe den Zachäus wieder hoffen. Ein solcher Gott würde ihn wieder leben lassen. Es ist die Hoffnung und die Dankbarkeit für diese gute Nachricht, die den Zachäus auf die Palm treibt und hin zu dem, der einen Gott verkündet, der glücklicherweise nicht so denkt und urteilt wie die Menschen. Ein Gott, der Gottseidank anders ist. Ein Gott, der keinen verstößt.
Das ist es, das uns als Gemeinde zu denken geben muss, besonders uns allen, die von Gott reden. Wenn wir wüssten, was wir mit einem falschen, einem nicht gottgemäßen Reden von Gott in Menschen alles kaputt machen, wie wir ihnen den letzten Hoffnungsschimmer nehmen, wie wir sie aus der Kirche vertreiben - es würde uns die Sprache verschlagen. Denn dieses Verlangen, diese Sehnsucht, die den Zachäus auf den Baum getrieben hat, gibt es ja heute noch.
Vielleicht kennen wir welche, die zuhause der Gemeinde den Rücken gekehrt haben und hier keine Kirche mehr betreten, aber im Ausland oder im Urlaub als Erstes eine Kathedrale besichtigen oder die alte Ortskapelle, weniger weil sie so kunstsinnig sind, sondern weil sie spüren, das hier etwas ganz Wichtiges zu bekommen wäre.
Das Verlangen nach Heil-sein sitzt tief und ist - Gott sei Dank - auch durch hemmungsloses Vergnügen und maßlosen Reichtum nicht zu stillen. Manchmal verbirgt sich diese Sehnsucht nur, so dass man sie auf den ersten Blick nicht gleich erkennen kann. Aber es gibt die kleinen Sehnsuchtssignale nach Heil, nach Vergebung, nach Neuanfang und nach einem Leben in neuer Selbstachtung. Auf solche Signale der Sehnsucht nach Heil sollten wir in der kommenden Woche sorgfältig achten...

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Das Wirken Jesu war geprägt vom Erbarmen mit denen, die Hilfe brauchten.
Darum beten wir:


* für die Kirche, für alle, die in ihr ein Amt haben: um einen Blick für das, was die Menschen brauchen, und um die Liebe, die sie das Gute unbedingt tun lässt...

Christus, höre uns ... Christus, erhöre uns ...

* für die Männer und Frauen an den Schalthebeln der Macht: um einen unerschütterlichen Willen, Gerechtigkeit und Frieden zu schaffen...

* für die Menschen, die hart erfahren, wie zerbrechlich irdisches Glück ist: um wachsendes Vertrauen auf Gottes treue Hilfe...

* für unsere christlichen Brüder und Schwestern, denen der Glaube nichts mehr bedeutet: um eine Unruhe, die sie neu nach dem Sinn ihres Lebens suchen lässt...

Gott unser Vater, du schenkst uns deine barmherzige Gegenwart.
Dich preisen wir jetzt in dieser Zeit und in der Ewigkeit.

Segensgebet

Gott, der euch seit eurem ersten Atemzug begleitet, lasse euch erkennen, wie nahe er euch ist in allem, was noch vor euch liegt.
Er schenke euch seine Nähe, damit ihr spürt, wie er euch immer in seinen Händen hält.
Er gebe euch Mut und Fantasie, eure Talente und Fähigkeiten immer mehr zu entdecken, damit ihr mit Freude die geschenkte Zeit auskostet.
Das alles und was ihr sonst noch zu einem erfüllten Leben braucht, schenke euch der treue Gott...