Oekumenische Bibelwoche, Lesejahr C

28.01.2007



Einleitung in die Eucharistiefeier

Ökumenischer Gottesdienst Gnadenkirche in Stuttgart Heumaden

Thema: Geld - Macht - Religion

Begrüßung 

Wir haben uns versammelt, um miteinander Gottesdienst zu feiern.
Damit ist nicht nur unser Beten und Singen, unser Dienst vor Gott gemeint, sondern Gottesdienst meint auch den Dienst Gottes an uns.
Gott erweist uns seinen Dienst in dieser heiligen Feier.
Uns wird die Botschaft der heiligen Schrift vorgetragen: Gott deckt uns den Tisch des Wortes.
Im heiligen Mahl wird uns das Brot des Lebens gereicht: Gott deckt uns den Tisch der Eucharistie.
Sein Sohn Jesus Christus ist unter uns gegenwärtig, da wir uns in seinem Namen versammelt haben. Ihn grüßen wir in unserer Mitte mit dem Ruf um Erbarmen ...

Erste Lesung (Apg 19,21-40)

Nach diesen Ereignissen nahm sich Paulus vor, über Mazedonien und Achaia nach Jerusalem zu reisen. Er sagte: Wenn ich dort gewesen bin, muss ich auch Rom sehen.
Er sandte zwei seiner Helfer, Timotheus und Erastus, nach Mazedonien voraus und blieb selbst noch eine Zeit lang in der Provinz Asien.
Um jene Zeit aber wurde der (neue) Weg Anlass zu einem schweren Aufruhr.
Denn ein Silberschmied namens Demetrius, der silberne Artemistempel herstellte und den Künstlern viel zu verdienen gab,
rief diese und die anderen damit beschäftigten Arbeiter zusammen und sagte: Männer, ihr wisst, dass wir unseren Wohlstand diesem Gewerbe verdanken.
Nun seht und hört ihr, dass dieser Paulus nicht nur in Ephesus, sondern fast in der ganzen Provinz Asien viele Leute verführt und aufgehetzt hat mit seiner Behauptung, die mit Händen gemachten Götter seien keine Götter.
So kommt nicht nur unser Geschäft in Verruf, sondern auch dem Heiligtum der großen Göttin Artemis droht Gefahr, nichts mehr zu gelten, ja sie selbst, die von der ganzen Provinz Asien und von der ganzen Welt verehrt wird, wird ihre Hoheit verlieren.
Als sie das hörten, wurden sie wütend und schrien: Groß ist die Artemis von Ephesus!
Die ganze Stadt geriet in Aufruhr; alles stürmte ins Theater und sie schleppten die Mazedonier Gaius und Aristarch, Reisegefährten des Paulus, mit sich.
Als aber Paulus in die Volksversammlung gehen wollte, hielten ihn die Jünger zurück.
Auch einige hohe Beamte der Provinz Asien, die mit ihm befreundet waren, schickten zu ihm und rieten ihm, nicht ins Theater zu gehen.
Dort schrien die einen dies, die andern das; denn in der Versammlung herrschte ein großes Durcheinander und die meisten wussten gar nicht, weshalb man überhaupt zusammengekommen war.
Die Juden schickten Alexander nach vorn und aus der Menge gab man ihm noch Hinweise. Alexander gab mit der Hand ein Zeichen und wollte vor der Volksversammlung eine Verteidigungsrede halten.
Doch als sie merkten, dass er ein Jude war, schrien sie alle fast zwei Stunden lang wie aus einem Mund: Groß ist die Artemis von Ephesus!
Der Stadtschreiber aber brachte die Menge zur Ruhe und sagte: Männer von Ephesus! Wer wüsste nicht, dass die Stadt der Epheser die Tempelhüterin der Großen Artemis und ihres vom Himmel gefallenen Bildes ist?
Dies ist unbestreitbar; ihr müsst also Ruhe bewahren und dürft nichts Unüberlegtes tun.
Ihr habt diese Männer hergeschleppt, die weder Tempelräuber noch Lästerer unserer Göttin sind.
Wenn also Demetrius und seine Zunftgenossen eine Klage gegen irgend jemand haben, so gibt es dafür Gerichtstage und Prokonsuln; dort mögen sie einander verklagen.
Wenn ihr aber noch etwas anderes vorzubringen habt, so kann das in der gesetzmäßigen Volksversammlung geklärt werden.
Sonst sind wir in Gefahr, dass man uns nach dem heutigen Vorfall des Aufruhrs anklagt, weil kein Grund vorliegt, mit dem wir diesen Volksauflauf rechtfertigen könnten. Nach diesen Worten löste er die Versammlung auf.

Predigt/Ansprache

Seit über 50 Jahren begehen die Kirchen den jährlichen ökumenischen Bibelsonntag
und zeigen auf diese Weise, dass trotz aller Spaltung und Trennung die Kirchen auf ein und demselben Fundament stehen: nämlich auf der Bibel.
Für heute haben die Bibelwerke als Thema den Bericht vom Aufstand der Silberschmiede in Ephesus ausgesucht.
Was war damals geschehen? Worum ging es?
Was bringt eine Übertragung in zeitgenössische heutige Verhältnisse?
Zum wiederholten Mal kommt Paulus an die Mittelmeerküste nach Ephesus.
In dieser Hafenstadt lebten Menschen aller Rassen und Religionen, sie praktizierten alle modernen Kulte und Gottesdienste der verschiedenen Religionen.
Besonders berühmt war die Stadt Ephesus durch den riesigen Tempel der Göttin Artemis,
der zu den sieben Weltwundern der Antike zählte.
Zu ihm strömten Pilger und Touristen aus dem gesamten Mittelmeerraum;
Wallfahrten und Prozessionen und Tourismusgruppen füllten die Stadt, zogen zu den hohen Feiertagen der Göttin dorthin.
Zeitgenössische Berichte erzählen von Wundern und Heilungen, ja sogar von Totenerweckungen.
Kein Wunder, dass der Tempel und die Verehrung der Göttin Artemis der Stadt Ephesus und ihrer Bevölkerung einen hohen Wohlstand und riesige Gewinne aus dem Frömmigkeitsbetrieb der Volksmassen bescherte.
Nicht nur die Hotels und Beherbergungsbetriebe profitierten davon, sondern auch jener Industriezweig, der auf die Produktion von Souvenirs eingestellt war.
Die vielen Handwerker, Kleinbetriebe, Großwerkstätten, die Figuren, Statuetten, Amulette, Rollsiegel, Glasvasen usw. mit dem Abbild der Göttin Artemis oder des riesigen Tempels herstellten, die davon lebten und reich wurden, vom Zwischenhandel und dem Export ganz zu schweigen, sahen sich bedroht in ihrer wirtschaftlichen Existenz.
Für gehobenere Ansprüche und dickere Geldbeutel arbeiteten insbesondere die Silberschmiede, deren Tempelchen und Figürchen schon etwas mehr kosteten als der billige Kram aus Glas, Holz oder Ton.
Daher befürchtete ganz besonders die Innung der Silberschmiede Einbußen und Geschäftsschädigung, so dass ihre Gewerkschaft zum Protest aufrief und zum Massenaufruhr im großen Theater von Ephesus.
Ihr Anführer Demetrius hat es richtig aufgezählt: zuerst geht es um den Gewinn und dann erst um die Religion. Das ganze Stadion brülle in Erregung und gesteigerter Wut zwei Stunden lang: Groß ist Artemis von Ephesus...groß...groß....
Es waren Paulus und seine Mitarbeiter die das Evangelium von Jesu Tod und Auferstehung
den Juden Diaspora in aller Welt verkündeten, und den suchenden und fragenden Menschen der Religionen und Kulturen einen neuen Weg anboten.
Der neue Weg, die neue Lehre sagte: Götter, die man mit Händen macht, sind gar keine Götter.
Dieser neue Glaube an den einen Gott aller Menschen, an seinen menschgewordenen Sohn Jesus Christus und an den zum Guten treibenden Geist, an die Liebe als Kernpunkt des Glaubenslebens, an die hohe Würde des Menschen, der Gottes Ebenbild ist, an die Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten, an den Sturz der Mächtigen, der Ausbeuter und der Überheblichen - dieses revolutionäre Evangelium predigt Paulus, die junge Gemeinde, zu der Sklaven und Freie gehörten, bezeugt es mit Worten und lebt es durch die Tat der Geschwisterlichkeit.
So wird der alte Glaube dort wird in Frage gestellt und somit der Profit der Händler.
Jene, die mit der Frömmigkeit der kleinen Leute Geschäfte machten, die machtpolitischen Strippenzieher, die heimlichen Gewinner des Spiels mit Religiosität der Massen fühlen sich bedroht.
Denn Demetrius weiß, dass Paulus und seine Mitarbeiter Erfolg haben mit ihrer Predigt in Ephesus genauso wie auf den Stationen ihrer Predigtreise davor.
Er spürt den Zusammenbruch der unheiligen Allianz von Religion, Macht und Kapital.
Geschäftsschädigend sind die Missionare in den Augen der Innung.
Da muss ein Riegel vorgeschoben werden. Darum der Aufschrei der Betroffenen aus der lukrativen Verstrickung von Religion und Geld.
Zweifellos hat die Kirche in ihrer zweitausendjährigen Geschichte viele Versuchungen erlebt, und bekämpft, mit Religion Geld zu machen und sich so Machtpositionen zu ergattern.
In Europa sind die Kirchen auch zugleich große Wirtschaftsunternehmen und Betriebe, wenn wir an Caritas und Diakonie denken, an Ordensgemeinschaften und Opus Dei,
an kirchliche Universitäten.
Es bringt jetzt nichts, in die Mottenkiste der Kirchengeschichte zu greifen und die zahllosen Episoden herauszupicken, wo auch unsere Kirche und manche der Würdenträger an solcher Ausbeutung der Religion schuldig geworden waren oder nach wie vor schuldig werden.
Aber ganz klar und eindeutig hält diese Kirche, die oft genug schuldig wird, an ihrem Evangelium fest, dass der Gott Israels und der Gott Jesu Christi entschiedener Anwalt der Armen und Unterdrückten ist, so wie im Magnificat, dem Lobgesang der jungen Maria, der Umsturz der Verhältnisse gepriesen wird.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und die Reichen lässt er leer ausgehen.
Natürlich braucht die Kirche Geld und auch Autorität und verschiedene Mittel, um ihren Auftrag zu verwirklichen.
Vor aller Ausbeutung der Frömmigkeit zum Gewinn von Reichtum und Macht muss sie sich aber beständig hüten.
Dieser dramatische Lesungstext aus der Apostelgeschichte ist und bleibt daher Anlass selbstkritischer Rückbesinnung auf das Wesen der Kirche als dem neuen Weg, der resistent sein soll gegen die Verführung des Mammon und die Neigungen von Machtpotentaten
innerhalb unserer Kirchen.
Wenn die Kirche ihrem Auftrag von Jesus her treu bleiben will, muss sie bei aller notwendigen Beziehung von Religion und Geld doch immer die kritische Distanz dazu beachten. Das gilt für alle Versuchungen der bloßen Geldmacherei mit der Frömmigkeit.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Jesus Christus hat uns die gute Nachricht von Gott gebracht.
Voll Vertrauen beten wir zu ihm:


+ für alle, die die gute Nachricht von Gott verkünden:
um eine Sprache und Sprechweise, die die Menschen erreicht, und um eien Lebensgestaltung, die der Botschaft vom Heil entspricht ...


+ für die Menschen, die vor einer wichtigen Entscheidung stehen:
um die Hilfe Gottes und um die Erleuchtung durch Gottes Geist ...

+ für die Bewohner in dem Land. in dem Jesus Christus gelebt hat:
um Gerechtigkeit für alle, damit sie im Frieden leben können ...

+ für uns und die Bewohner unseres Landes:
um die Erkenntnis wie der Wohlstand gerecht verteilt, die Umwelt geschützt
und die Zukunft lebenswert gestaltet werden kann ...

+ für unsere Verstorbenen, um die wir trauern, 
um die Erfahrung dessen, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben ...

Gütiger Gott, einst hat dein Sohn von dir gesprochen; du sprichst auch heute zu uns.
Dafür danken wir dir und preisen dich jetzt und in der Ewigkeit. Amen