6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

11.02.2007



Einleitung in die Eucharistiefeier

Das geschieht ihm recht - sagen wir schon mal, wenn jemandem etwas Schlechtes widerfährt,
der sich irgendetwas hat zu Schulden kommen lassen.
Wir fühlen dieses Geschieht ihm recht! nicht ohne Schadenfreude.
Das macht deutlich, dass wir die Dinge gern nach unserer Sicht geregelt haben wollten.
Letztlich und wirklich gerecht kann es jedoch nur dort zugehen, wo Gottes Sicht der Dinge zum Durchbruch kommt.
Und die erfahren wir in jenem, der gekommen ist, die Armen selig zu preisen.
Ihn ehren wir in unserer Mitte mit dem Ruf um Erbarmen ..

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 6,17.20-26 )

In jener Zeit stieg Jesus mit seinen Jüngern den Berg hinab.
In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen, und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon strömten herbei.
Jesus richtete seine Augen auf seine Jünger und sagte: Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.
Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen.
Freut euch und jauchzt an jenem Tag; euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.
Aber weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten.
Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.
Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht.

 

Predigt/Ansprache

Die Seligpreisungen sind die Kernsätze der Bergpredigt, ja sind zentrales Element der Botschaft Jesu.
Diese Sätze sind wie ein Manifest des Religiösen, ein Leitbild des biblischen Glaubens
aus dem Mund des Mannes von Nazaret.
Zu seiner Zeit im religiös und politisch aufgeheizten Palästina waren Glaubensfragen nicht weniger umstritten als heute.
Sie stellen an alle und damit auch an uns heute die Frage: wie hältst du es mit der Religion?
Was ist dein Credo? Dein Glaubenbekenntnis?
Was verbirgt sich an Botschaften, an Hoffnungen und Zielen in deinem Glauben?
Ich sehe in Jesu Botschaft vom Reich Gottes drei Akzente des religiösen Lebens -
im besten Sinne zeitlos und damit auch heute aktuell und wegweisend.

Ein erster Akzent lautet für mich: die Helden des Alltags werden anerkannt. Unter dem Titel Helden von heute hat eine Wochenzeitung vor einigen Monaten ganz gewöhnliche Menschen portraitiert. „Sie verdienen wenig, doch ohne sie ginge nichts: Menschen, deren Beruf es ist, anderen Menschen zu helfen." Vorgestellt wurden eine Altenpflegerin, und die Leiterin eines Jugendtreffs, ein Landarzt, ein Schuldnerberater und ein Strafvollzugsbeamter.
Es sind Menschen, die sich der Armen, der Hungernden und Weinenden unserer Gesellschaft annehmen und in oft auswegloser Lage mit ihnen zusammen kleine Schritte aus dem Elend heraus zu gehen versuchen.
Ihnen gelten die Seligpreisungen des Herrn, den Hilfsbedürftigen und den Helfern.
Sie sind ein Appell für den Blick auf die manchmal versteckten oder aus dem Blick verdrängten Opfer von Trauer, Armut und Hunger in unserer Nähe.
Sie sind Aufruf zur Parteinahme für die oft übersehenen und unterschätzten Ansätze des Guten, des Mut machenden Aufbruchs in der nächsten Umgebung.
Gegen den Hang zum Negativen zielt die Bergpredigt auf das Gute im Menschen.
Angesichts der Missachtung der Kleinen und Geringen plädiert sie für Achtsamkeit und eine neue Chance.
Es gibt einen alten und tiefen Instinkt im Menschen, der uns oft vorschnell und ausschließlich das Negative sehen lässt. Verständlich, denn man muss ja beständig mit Gefahren rechnen.
da könnte eine Portion Misstrauen nur hilfreich sein.
Nun sind wir Menschen vernunftbegabte Wesen und keine Tiere in freier Wildbahn, die nur dem Instinkt folgen. Es steht uns deshalb gut an, die eingeübte Kritikerpose abzulegen,
nicht den Advocatus diaboli, den Anwalt des Teufels, des Bösen als Lieblingsrolle zu spielen,
sondern Anwalt des Guten zu sein.
Vom alten Sokrates stammt die Definition der Philosophie als Hebammenkunst.
Es sind die Helden des Alltags, die den kleinen und schwachen Kern des Guten im anderen sehen, diesen Kern gleichsam zur Welt bringen und ihn nicht ersticken durch Besserwisserei oder Vorurteil. Gott sei dank gibt es auch heute solche Geburtshelfer des Guten inmitten der Stürme des Alltags.
Selig sind sie gepriesen. Sie erfüllen die alte Weisheit mit Leben, die sagt: Es ist besser, eine kleines Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.

Ein zweiter Akzent für das religiöse Leben sehe ich im Umstand, dass man vor einer Konfrontation keine Angst haben muss.
Lukas hat die Seligpreisungen ergänzt durch die Weherufe an die Reichen und Satten.
Jesus ist kein Schwärmer und Träumer. Sein Auftreten in Wort und Tat provoziert immer wieder seine Gegner. Wo er Heilung stiftet, stößt er auf Widerstand der Dämonen. Wo er Sündern eine neue Chance gibt, protestieren die Überfrommen.
Wer Jesus nachfolgt, auch heute, muss mit Gegenwind rechnen.
Wer das Gute will, kann der Begegnung mit dem Bösen nicht ausweichen.
Ein lebendiger Glaube gerät unweigerlich auf Konfrontationskurs zu den Reichen und Satten, die nicht zum Teilen bereit sind, gerät in Gegenposition zu denen, die den Menschen nur als Ware, als Nummer betrachten, die seine Würde verletzen, ihn manipulieren oder unterdrücken.
Vielleicht ist das sogar ein untrügliches Echtheitsmerkmal für religiöses Leben: dass es sich nicht reduzieren lässt auf eine Art geistlicher Wellness oder individueller Seelenmassage,
sondern unbequeme Forderungen stellt und einer Konfrontation nicht ausweicht.

Einen dritten Aspekt des religiösen Lebens entdecke ich darin, dass der Horizont der Hoffnung sich weitet.
Wer von Seligkeit spricht, lenkt den Blick über das Irdische hinaus, auf Gott selbst in der Ewigkeit.
„Man versteht den Menschen nicht, wenn man nur danach fragt, woher er kommt.
Man versteht ihn erst, wenn man auch fragt, wohin er gehen kann.
Die wirksamste Gegenkraft gegen den Verderb des Menschen liegt im Gedächtnis seiner Größe, nicht im Gedächtnis seiner Schändungen." - so schrieb Papst Benedikt vor einigen Jahren.
Solche Erkenntnis schenkt den langen Atem der Hoffnung.
Die wahren Vollendung steht noch aus.
Weil Gott dieser letzte Horizont ist, auf den wir uns zu bewegen, ist jetzt schon jeder noch so kleine Glaubenschritt voller Sinn.
Es ist wie bei einem Schiff, das sich am Leuchtturm orientiert: mag die Küste auch noch in weiter Ferne sein, so kennt der Steuermann bereits den richtigen Kurs und weiss, wo der sichere Hafen wartet.
Sich im Alltag bewähren, indem man das Gute tut, dass man dem Bösen nicht nachgibt,
sondern wo es nötig ist furchtlos für das Gute eintritt, und dadurch Hoffnung schenkt, dass alles einmal gut werden wird - diese Akzente religiösen Lebens müssen die Suchenden und Fragenden von heute an uns ablesen können, damit sie zum Glauben finden.
Ich hoffe immer noch, dass dies uns gelingt und wir stark sind im dem, was uns wichtig und heilig ist.
Stark ist, wer mehr Träume hat als die Realität zerstören kann.
Das war ein Zitat von Peter Maffay.
Stark ist, wer mehr Träume hat, als die Realität zerstören kann.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Zu Gott, der sein Reich anbrechen lässt inmitten des Unscheinbaren, rufen wir:


+ für die Armen in unserer Gesellschaft,
besonders für die Kinder und Jugendlichen, die von der Gemeinschaft der anderen ausgeschlossen sind ...

Gott, Vater der Armen ... Herr, erbarme dich ...

+ für unsere Glaubensgeschwister in Not,
besonders für jene, die wegen ihres Glaubens an Christus Verfolgung und Folter leiden ...

+ für die an Besitz und Einfluss Reichen,
besonders für jene, die sich rühren lassen durch die Not der anderen und sich für Hilfe und für die Menschenrechte einsetzen ...

+ für die Verstorbenen, die wir gekannt und geschätzt haben und die uns in ihrem Leben das Vertrauen auf Gott bezeugt haben ...

Heiliger Gott, du siehst auf die Geringen und Kleinen und wirst ihnen zu ihrem Recht verhelfen. Darum hoffen wir auf dich und preisen dich jetzt und in der Ewigkeit. Amen