Karfreitag, Lesejahr C

09.04.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

Erst wenn wir uns dem Dunkel stellen, wird uns der Schritt ins Licht geschenkt. Das heißt: wir werden nur dann als Gemeinde des Herrn die Freude des Osterfestes erfahren, wenn wir zuerst wach und ergriffen Kirche unter dem Kreuz gewesen sind.
Bevor wir die Wundmale unseres Herrn berühren dürfen wie Thomas, müssen wir den Mut haben, „auf den zu schauen, den wir durchbohrt haben".

 

Erste Lesung (Jes 52, 13 - 53,12 )

Seht, mein Knecht hat Erfolg, / er wird groß sein und hoch erhaben.
Viele haben sich über ihn entsetzt, / so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, / seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.
Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, / Könige müssen vor ihm verstummen. Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, / das sehen sie nun; was sie niemals hörten, / das erfahren sie jetzt.
Wer hat unserer Kunde geglaubt? / Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Spross, / wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine schöne und edle Gestalt, / sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, / dass wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, / ein Mann voller Schmerzen, / mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, / war er verachtet; wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen / und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, / von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, / wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, / durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, / jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn / die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt, / aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, / und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, / so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, / doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten / und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab, / bei den Verbrechern seine Ruhestätte, obwohl er kein Unrecht getan hat / und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht), / er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. / Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. / Er sättigt sich an Erkenntnis. Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht; / er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen / und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab / und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden von vielen / und trat für die Schuldigen ein.

Zweite Lesung ( Heb 4, 14-16; 5, 7-9 )

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten.
Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat.
Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.
Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.
Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt;
zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Passion Joh 18, 1 - 19,42 )

Die Verhaftung
Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus, auf die andere Seite des Baches Kidron. Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein.
Auch Judas, der Verräter, der ihn auslieferte, kannte den Ort, weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammengekommen war.
Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener der Hohenpriester und der Pharisäer und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen.
Jesus, der alles wusste, was mit ihm geschehen sollte, ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?
die antworteten ihm: Jesus von Nazaret. Er sagte zu ihnen: Ich bin es. Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen.
Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!, wichen sie zurück und stürzten zu Boden.
Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr? Sie sagten: Jesus von Nazaret.
Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Wenn ihr mich sucht, dann lasst diese gehen!
So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.
Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte, zog es, schlug nach dem Diener des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab; der Diener hieß Malchus.
Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide! Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?
Das Verhör vor Hannas und die Verleugnung durch Petrus
Die Soldaten, ihre Befehlshaber und die Gerichtsdiener der Juden nahmen Jesus fest, fesselten ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; er war nämlich der Schwiegervater des Kajaphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.
Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte: Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt.
Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Hof des hohepriesterlichen Palastes.
Petrus aber blieb draußen am Tor stehen. Da kam der andere Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, heraus; er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein.
Da sagte die Pförtnerin zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen? Er antwortete: Nein.
Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt. Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.
Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.
Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen. Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden zusammenkommen. Nichts habe ich im Geheimen gesprochen.
Warum fragst du mich? Frag doch die, die mich gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe; sie wissen, was ich geredet habe.
Auf diese Antwort hin schlug einer von den Knechten, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sagte: Redest du so mit dem Hohenpriester?
Jesus entgegnete ihm: Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?
Danach schickte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.
Simon Petrus aber stand (am Feuer) und wärmte sich. Sie sagten zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete und sagte: Nein.
Einer von den Dienern des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte, sagte: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen?
Wieder leugnete Petrus und gleich darauf krähte ein Hahn.

Das Verhör und die Verurteilung durch Pilatus
Von Kajaphas brachten sie Jesus zum Prätorium; es war früh am Morgen. Sie selbst gingen nicht in das Gebäude hinein, um nicht unrein zu werden, sondern das Paschalamm essen zu können.
Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?
Sie antworteten ihm: Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert.
Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn doch und richtet ihn nach eurem Gesetz! Die Juden antworteten ihm: Uns ist es nicht gestattet, jemand hinzurichten.
So sollte sich das Wort Jesu erfüllen, mit dem er angedeutet hatte, auf welche Weise er sterben werde.
Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?
Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.
Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.
Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Ihr seid gewohnt, dass ich euch am Paschafest einen Gefangenen freilasse. Wollt ihr also, dass ich euch den König der Juden freilasse?
Da schrieen sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Straßenräuber.
Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln.
Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um.
Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen ihm ins Gesicht.
Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen.
Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch!
Als die Hohenpriester und ihre Diener ihn sahen, schrien sie: Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm! Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn! Denn ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Die Juden entgegneten ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben, weil er sich als Sohn Gottes ausgegeben hat.
Als Pilatus das hörte, wurde er noch ängstlicher.
Er ging wieder in das Prätorium hinein und fragte Jesus: Woher stammst du? Jesus aber gab ihm keine Antwort.
Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu kreuzigen?
Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre; darum liegt größere Schuld bei dem, der mich dir ausgeliefert hat.
Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen, aber die Juden schrien: Wenn du ihn freilässt, bist du kein Freund des Kaisers; jeder, der sich als König ausgibt, lehnt sich gegen den Kaiser auf.
Auf diese Worte hin ließ Pilatus Jesus herausführen und er setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf Hebräisch Gabbata, heißt.
Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König!
Sie aber schrieen: Weg mit ihm, kreuzige ihn! Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser.
Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde. Sie übernahmen Jesus.

Die Hinrichtung Jesu
Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur so genannten Schädelhöhe, die auf Hebräisch Golgota heißt.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus.
Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.
Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst.
Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen. Sie nahmen auch sein Untergewand, das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war.
Sie sagten zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus.
Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!
Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet.
Ein Gefäß mit Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund.
Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.
Die Bestattung des Leichnams
Weil Rüsttag war und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten, baten die Juden Pilatus, man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen und ihre Leichen dann abnehmen; denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag.
Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine, dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht,
sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus.
Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.
Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.
Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab.
Es kam auch Nikodemus, der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.
Sie nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.
An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie Jesus dort bei.

Predigt/Ansprache

Soll man nach diesem Text noch predigen? Einen Menschen, der von uns gegangen ist, können wir nicht wortlos übergehen.
Wenn gepredigt werden muss, dann an diesem Tag. Es ist unser mühsamer Versuch, die Todesstille zu unterbrechen.
Es muss etwas gesagt werden, obwohl die Sprache versagt.
Ist die Predigt am Karfreitag eine Grabrede? Ein Nachruf? Eine Würdigung?
Oder klingen schon Zwischentöne durch wie in der Passion des Johannes? Eine Vorahnung, dass über dieses Leben noch nicht das letzte Wort gesprochen ist?
Wir werden wie in ein Vakuum entlassen. Und hoffen auf einen befreienden Ausweg, der nicht menschenmöglich ist. Wir hoffen, dass über seinem Grab kein Gras wächst.
Immerhin: es gibt eine Grablegung. Letzte Kreuzwegstation. Epilog. Menschlich gesprochen: Endstation.
Jesu letzter Ort auf Erden ist - wie das Erdloch in Bethlehem - wieder eine Höhle.
Ein frisches Grab in einem Garten. Garten - das hört sich ein wenig tröstlich an. Eine Rückerinnerung an den Paradiesgarten?
Eine Vorahnung von Ostern? Es duftet! Als würde die unglaubliche Menge von Salben und Gewürzen eine unbewusste Vorbereitung sein auf das Fest Gottes mit diesem toten Jesus.
Als würde sich schon am Karfreitag das Parfüm der Auferstehung, der Duft Christi fast unmerklich ausbreiten.
Und ein weiteres immerhin: nun kann ihm keiner mehr wehtun. Er hat nun endlich seine Ruhe gefunden. Ein nächstes immerhin: er wird nicht nackt begraben. Von einigen wenigen Freunden, die ihm geblieben sind, und einem geheimen Verehrer wird er geborgen. Ein letzter Gottesdienst - mehr können sie in dieser abschiedsschweren Stunde nicht tun.
Es ist der schönste Liebesdienst: Randchristen, fast zufällig dazukommende, gute Bekannte, Kirchenferne - nicht die Kerngemeinde der Jünger - erweisen ihm den letzten Dienst, schützen den toten Leib vor indiskreten Blicken. Sie wickeln ihn ein in Leinenbinden Wir sind nachher eingeladen, den zu sehen und zu ehren, der nackt am Kreuz gehangen hat.
Und er sieht uns, unser nacktes Gesicht, unsere Scham.
Ich, ich, Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.
Muss es uns nicht peinlich sein, dass er so oft nackt und bloß war? Am Kreuz hängend machte er keine gute Figur mehr, der Mister World, er besaß keine glatte unversehrte Haut mehr, strahlte keine Vitalität mehr aus, war kein gestylter Mann.
In einer Welt, in der man stark sein muss, hätte Gott keine Chance. „Der Held trägt eine Rüstung, der Heilige ist nackt", sagte Simone Weil.
Es ist die Schutzlosigkeit Jesu, die uns an jedem Karfreitag so drastisch vor Augen geführt wird.
An seiner nackten Haut tobt man sich aus. Denn man hat ihm den letzten Rock genommen. Man entblößt einen, in dessen Haut keiner heute stecken will und auch niemand stecken kann.; einen, der seine ehrliche Haut nicht rettet und sich nicht mit heiler Haut davon macht.
In alle Ewigkeit bleibt er so, werden seine Wunden sichtbar bleiben. Jetzt ist er ganz arm.
Wir erinnern an den Anfang, an das Christusbaby: er liegt dort elend, nackt und bloß.
Damals wenigstens hat sich noch der Himmel geöffnet und es wurde gesungen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden. Und auch über dem nackten Mann am Jordan öffnete sich der Himmel und das gut Wort wurde gesprochen: Du - mein geliebtes Kind.
Du - ohne Ornat und Schutzkleidung, ohne Drapierung und ohne Taufkleid - du bist geliebt.
Aber heute am schwarzen Freitag bleibt der Himmel zu und es spricht keine Stimme von dort.
Wir ehren einen Menschen, einen Gott, einen göttlichen Menschen „ohne alles", den verletzbaren und exponierten Gott. Er, der die kranke Haut der Aussätzigen durch Berührung geheilt hat, holt sich den Tod, lässt sich anstecken von den Folgen der Sünde der Welt.
Weil die alte Haut des alten Adam so unempfindlich ist, weil an meiner Elefantenhaut, an meiner Panzerung so vieles abprallt, weil ich mich allzu oft bedeckt halte, weil ich so gerne mit nacktem Finger auf andere zeige, darum zahlt Christus das Lösegeld und verkauft seine Haut teuer mit seinem eigenen Leben.
Der Karfreitag ist der wunderlose Tag. Der Vater Jesu Christi hat sich nicht dazwischen geworfen. Dieser Gott ist ganz tief verborgen, fast als Leerstelle nur anwesend, aber gerade darin uns unendlich nah.
Aber ER, der ohne alles ist, legt mir und uns den Mantel der Vergebung um und wärmt und birgt mich und uns Nackte und Elende, damit wir leben...

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Als betende Kirche stellen wir uns unter das Kreuz dessen, der für uns starb, um unser Fürsprecher und Anwalt zu werden.
Wir stehen unter dem Kreuz dessen, der alle Not der Welt zum Vater trägt.
Kann der, der hilflos am Kreuz starb, wirklich helfen?
Seine Feinde haben es bestätigt: Andern hat er geholfen, nur sich selber kann er nicht helfen!
Der hilflos am Kreuz gestorben ist, ist zum großen Helfer geworden, der für uns alle eintritt...


Lektor 1
Lasst uns beten für den Papst und die Bischöfe und für alle, die in der Kirche ein Leitungsamt innehaben.

Lektor 2
Vater der Menschen und Herr deiner Kirche, dein Sohn hat den Jüngern gezeigt, dass sie berufen sind, den Menschen zu dienen.
Mach alle, die im kirchlichen Dienst stehen, fähig, auf die Sorgen und die Erfahrungen ihrer Mitchristen zu hören und mit ihnen gemeinsam nach Antworten und Lösungen zu suchen, die heute tragfähig sind.
Schenke den Mut, Veränderungen in Angriff zu nehmen, die der Kirche heute einen guten Weg in die Zukunft öffnen.

Lektor 1
Lasst uns beten für alle, die in unserer Kirche benachteiligt sind oder ausgegrenzt werden:
für die Frauen, denen Ämter versperrt bleiben, für die laisierten und verheirateten Priester, für die wiederverheirateten Geschiedenen.

Lektor 2
Gott und Vater, dein Sohn hat sich nicht gescheut, mit den Ausgegrenzten und Verachteten sich an einen Tisch zu setzen.
Hilf uns, Mauern abzutragen und Brücken zu bauen,Gräben zuzuschütten und Wege zueinander zu finden.

Lektor 1
Lasst uns beten für die getrennten Kirchen und für die Gläubigen, die in besonderer Weise daran leiden, dass sich die Christen nicht an einem Tisch versammeln können;
für die konfessionsverbindenden Ehepaare und Familien, für jene, die sorgfältig um die richtige Auslegung des Glaubens ringen;
und für jene, denen der Weg zur Einheit aller leicht fällt, weil für sie kaum mehr Glaubensunterschiede erkennbar sind.

Lektor 2
Guter Gott, dein Sohn hat darum gebetet, dass alle eins sind wie er eins ist mit dir.
So hat er die Überwindung von Spaltung und Trennung uns ans Herz gelegt.
Schärfe den Blick und das Wort für den gemeinsamen Glauben und schenke der Kirche versöhnende Einheit in der Vielfalt.

Lektor 1
Lasst uns beten für die Menschen jüdischen Glaubens, die allein auf das erste Testament vertrauen und auf das Kommen des Messias warten.
besonders für jene Mitmenschen, die in unserer Geschichte Verachtung und Verfolgung, Folter und Konzentrationslager ertragen mussten und von neuem davor Angst haben.

Lektor 2
Du Gott Isaaks und Jakobs und Jesu, lass die gemeinsame Sehnsucht nach dem Erlöser und nach dem Heil der Welt stärker sein als alle Versuchung zu Abwertung und Vorwürfen und Aufrechnung von Schuld.
Lass uns im Glauben voneinander lernen und einander achten und lass uns gemeinsam die Fülle des Heils zu teil werden.

Lektor 1
Lasst uns beten für die Menschen anderer Religionen, vor allem für die Muslime, die unter uns wohnen und die nach dem Sinn des Lebens fragen wie wir.

Lektor 2
Du Gott Abrahams, du Vater aller Menschen.
Hilf allen Menschen, ihren Glauben zu erkennen und zu leben und daraus Kraft und Ideen zu entwickeln für den Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.

Lektor 1
Lasst uns beten für die Schöpfung, die uns als Lebensboden anvertraut ist und die in vielen Bereichen bedroht ist.

Lektor 2
Schöpfer der Welt, du hast alles, was zu dieser Welt gehört, uns in die Hände gelegt.
Schenke uns Ehrfrucht vor allem Leben und allen Gütern der Natur.
Lass uns so mit der Schöpfung umgehen, dass wir und die kommenden Generationen mit Freude in ihr leben können.

Lektor 1
Lasst uns beten für alle Menschen, die durch Krieg oder Terror bedroht sind, und für alle, die ihrer politischen oder religiösen Überzeugung wegen
verfolgt werden.

Lektor 2
Vater des Friedens und des Erbarmens, dein Sohn hat uns einen Weg vorgelebt, der zum gewaltlosen Miteinander einlädt.
Lass unter allen Menschen die Erkenntnis wachsen, dass ein offenes Wort mehr bewirkt als der Griff zur Waffe.
Schenke den Bedrohten und Verfolgten die Zuversicht, dass am Ende die Wahrheit siegen wird.

Lektor 1
Lasst uns beten für unsere Toten, die uns nahe stehen und die wir vermissen, und auch für jene, die gestorben sind, ohne dass jemand um sie trauert.
Lasst uns beten auch für jene, die bewusst ihrem nahen Tod entgegengehen.

Lektor 2
Gott du Ursprung und Ziel des Lebens, schenke ihnen dein Leben in Fülle.
Lass ihre Hoffnungen und ihre Sehnsucht in dir gestillt sein.
Und hilf uns, auf das Wiedersehen mit ihnen in deiner Gegenwart zu hoffen und in tätiger geschwisterlicher Liebe zu warten.

Priester
Du bist und du bleibst unsere Hoffnung, dass das Leben der Menschen und das Leid der vielen nicht hängen bleibt im Tod.
Auf dich und deinen Sohn am Kreuz vertrauen wir.
Mit ihm zusammen beten wir zu dir, wie er uns zu beten gelehrt hat...
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Übel;
denn Dein ist das Reich,
die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit
Amen