Karfreitag, Lesejahr C

06.04.2007



Zweite Lesung ( Heb 4, 14-16; 5, 7-9 )

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten. Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit. Als er auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden. Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden.

 

Predigt/Ansprache

Das Kreuz ist das äußere Zeichen und die radikalste Konsequenz des Lebens dieses Jesus,
der ganz für andere da war.
Seine Liebe führt ihn an den allerletzten Platz, stürzt ihn in den extremsten Abgrund hinein,
dorthin wo es weiter nicht mehr geht.
Was wir in der Lesung am Palmsonntag gehört haben: Er entäußerte sich, er wurde wie ein Sklave, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod - findet im Kreuz seine sichtbare Verwirklichung.
Der Tod am Schandpfahl des Kreuzes war ein so entsetzlicher Tod, dass er für jüdisches Empfinden eindeutiges Zeichen dafür war: wer so stirbt, ist von Gott verflucht.
Das Kreuz lässt freilich nicht nur auf den Tod blicken; in ihm konzentriert sich weit mehr.
Kreuz das heißt auch: Verrat und Verleugnung, Hohn und Spott, Verachtung und Hass,
Qualen der Seele und des Leibes und schließlich die Erfahrung der Gottferne, ja sogar der Abwesenheit Gottes.
So verdichtet sich im Kreuz alle Bosheit und alle Schuld der Welt. Die ganze destruktive Macht des Bösen wird so sichtbar.
Jesus trägt es ans Kreuz. Der Schuldlose nimmt alles auf sich.
Er zerschmettert das Böse nicht, er distanziert sich nicht vom ihm, er nimmt es auf sich,
trägt es und erträgt es.
Mit seinem Ja der Liebe zerbricht er alles Nein der schuldverstrickten, in sich selbst verliebten
und an sich selbst erstickenden Menschheit.
Das Kreuz ist aber nicht nur Zeichen für Bosheit und Schuld, sondern auch für Vergeblichkeit und Ohnmacht menschlichen Lebens, für seine Unfähigkeit, den eigenen Plänen Ganzheit zu geben und Vollendung.
Wofür Jesus gelebt und sich eingesetzt hat: für die Sammlung Israels und die Einheit aller Kinder Gottes, für das Kommen des Gottesreiches, für die Versöhnung und Geschwisterlichkeit unter den Menschen, all das ist nicht ans Ziel gekommen.
Die Grundanliegen Jesu sind zerbrochen, alles scheint vergeblich gewesen zu sein.
Jetzt ist alles offenbar am Ende.
Das Kreuz ist Nullpunkt, Nullpunkt für Jesus, aber auch Zeichen für alle Nullpunkte, die es in der Welt gibt, für alles Scheitern und alle Vergeblichkeit. Nullpunkt Kreuz!
Aber, und das nun stellt alles auf den Kopf.
Bei Jesus ist das Kreuz nicht nur der äußerste Abgrund, sondern auch der Ort des Sieges, der Verherrlichung.
Im Johannesevangelium wird das zum Ausdruck gebracht, wenn von der Erhöhung die Rede ist: Wenn ich aber erhöht sein werde, werde ich alles zu mir ziehen. (Joh 8, 28)
Mit Erhöhung meint der Evangelist die Aufrichtung des Kreuzes, aber auch die Erhöhung in Gottes Herrlichkeit, von der aus er alle Menschen an sich ziehen wird.
Diese Zweideutigkeit ist bewusst gewählt.
Das Kreuz Christi ist beides: äußerste Schande, schmachvolle Erniedrigung, völliges Scheitern und zugleich auch Herrlichkeit, Zeichen einer Liebe, die stärker ist als der Tod,
Beginn eines neuen, nie endenden Seins.
Da wo alles am Ende zu sein scheint - Nullpunkt Kreuz - da setzt Gott einen neuen Anfang.
Das Holz des Kreuzes wird zum Baum des Lebens.
Das scheinbare Ende war gar kein Ende, die Null keine Null, der letzte Platz kein bodenloser Abgrund, sondern der Ort, wo sich die Hände des Vaters ausstrecken, um seinen Sohn und darin uns allen einen neuen, gültigen Anfang zu bereiten.
Mit dem letzten Atemzug Jesu wird nicht etwa der Tod besiegelt, sondern das lebensspendende Werk der Erlösung vollbracht.
Im Urtext heißt es von diesem Moment: er neigte sein Haupt und gab seinen Geist hin,
nicht er gab seinen Geist auf.
Im Augenblick des Todes übergibt uns Jesus seinen Geist, der alles Leben mit der Liebe erfüllen will.
Karfreitag und das, was darauf folgt, gehören zusammen.
Wir verehren nachher nicht den Galgen und nicht den Nullpunkt und nicht den Ort des Scheiterns, sondern wir verehren die Standarte des Sieges des Guten über das Böse,
Zeichen des Sieges der Liebe über den Hass.
Darum können wir singen: Geheimnis des Glaubens: im Tod ist das Leben.
Im sterbenden Weizenkorn steckt die Kraft, neues Lebens hervorzubringen.
Das ist die geheimnisvolle Einheit von Tod und Leben, bei Jesus und bei uns, bei all denen, die ihm folgen.
All das ist nicht Vergangenheit, sondern das ragt immer neu in unser Heute hinein.
Das Kreuz unter uns ist ständige Gegenwart, nicht nur die eigenen Kreuze, die jeder zu tragen hat, auch das Kreuz Christi selbst ist und bleibt Gegenwart.
Augustinus hat das in seiner hinreißend anschaulichen Sprache formuliert:
Christus, das Haupt der Kirche, ist schon im Himmel, und doch leidet es hier unten.
Hier unten hungert Christus, hier unten hat er Durst, hier unten ist er nackt, ist er fremd, ist er krank, ist er im Kerker.
Was immer sein Leib hier unten leidet, das leidet auch er.
Es ist wie mit unserem Leib: das Haupt ist oben, die Füße stehen auf der Erde.
Wenn dir im Menschengedränge jemand auf die Füße tritt, dann schreit dein Kopf: du hast mich getreten. So ruft auch das Haupt der Kirche, das niemand mehr treten kann,
weil es im Himmel ist: ich bin hungrig. (Sermo 137 II, 2)
So ist Christus bis heute in das Kreuz der Welt verwickelt, es ist nicht einfach erledigte Angelegenheit von damals, es geht weiter unter uns Menschen und Christus lässt sich davon treffen.
All unsere Kreuze, auch unser ganz persönliches werden von ihm mitgetragen und auch von unserem Kreuz gilt: Gottes Gegenwart ist verborgen, Gottes Liebe noch verhüllt, aber sie wird zutage treten.
Im Tod ist jetzt schon das Leben.
In dieser Hoffnung können wir unser Kreuz tragen, unsere Leiden und Schmerzen, Ängste und Grenzen, unsere Erfolglosigkeit und unser Scheitern.
Es ist nicht nur unser Kreuz, es ist immer auch sein Kreuz, das er mitträgt und das er in die neue Perspektive hineinstellt: dass hinter jedem Karfreitag neues keimt, dass hinter dem Dunkel das Licht von Ostern aufbrechen wird.

 

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Als betende Kirche stellen wir uns unter das Kreuz dessen, der für uns starb, um unser Fürsprecher und Anwalt zu werden.
Wir stehen unter dem Kreuz dessen, der alle Not der Welt zum Vater trägt.
Kann der, der hilflos am Kreuz starb, wirklich helfen?
Seine Feinde haben es bestätigt: Andern hat er geholfen, nur sich selber kann er nicht helfen!
Der hilflos am Kreuz gestorben ist, ist zum großen Helfer geworden, der für uns alle eintritt...

 Lasst uns beten für den Papst und die Bischöfe und für alle, die in der Kirche ein Leitungsamt innehaben.

Vater der Menschen und Herr deiner Kirche,
dein Sohn hat den Jüngern gezeigt, dass sie berufen sind, den Menschen zu dienen.
Mach alle, die im kirchlichen Dienst stehen, fähig, auf die Sorgen und die Erfahrungen ihrer Mitchristen zu hören und mit ihnen gemeinsam nach Antworten und Lösungen zu suchen, die heute tragfähig sind.
Schenke den Mut, Veränderungen in Angriff zu nehmen, die der Kirche heute einen guten Weg in die Zukunft öffnen.

 Lasst uns beten für alle, die in unserer Kirche benachteiligt sind oder ausgegrenzt werden: für die Frauen, denen Ämter versperrt bleiben,
für die laisierten und verheirateten Priester,
für die wiederverheirateten Geschiedenen.

Gott und Vater, dein Sohn hat sich nicht gescheut, mit den Ausgegrenzten und Verachteten sich an einen Tisch zu setzen. Hilf uns, Mauern abzutragen und Brücken zu bauen,Gräben zuzuschütten und Wege zueinander zu finden.


 Lasst uns beten für die getrennten Kirchen und für die Gläubigen, die in besonderer Weise daran leiden, dass sich die Christen nicht an einem Tisch versammeln können;
für die konfessionsverbindenden Ehepaare und Familien,
für jene, die sorgfältig um die richtige Auslegung des Glaubens ringen;
und für jene, denen der Weg zur Einheit aller leicht fällt, weil für sie kaum mehr Glaubensunterschiede erkennbar sind.

Guter Gott, dein Sohn hat darum gebetet, dass alle eins sind wie er eins ist mit dir.So hat er die Überwindung von Spaltung und Trennung uns ans Herz gelegt.
Schärfe den Blick und das Wort für den gemeinsamen Glauben und schenke der Kirche versöhnende Einheit in der Vielfalt.

 Lasst uns beten für die Menschen jüdischen Glaubens, die allein auf das erste Testament vertrauen und auf das Kommen des Messias warten.
besonders für jene Mitmenschen, die in unserer Geschichte Verachtung und Verfolgung, Folter und Konzentrationslager ertragen mussten und von neuem davor Angst haben.

Du Gott Isaaks und Jakobs und Jesu, lass die gemeinsame Sehnsucht nach dem Erlöser und nach dem Heil der Welt stärker sein als alle Versuchung zu Abwertung und Vorwürfen und Aufrechnung von Schuld.
Lass uns im Glauben voneinander lernen und einander achten und lass uns gemeinsam die Fülle des Heils zu teil werden.


 Lasst uns beten für die Menschen anderer Religionen,
vor allem für die Muslime, die unter uns wohnen und die nach dem Sinn des Lebens fragen wie wir.

Du Gott Abrahams, du Vater aller Menschen.
Hilf allen Menschen, ihren Glauben zu erkennen und zu leben und daraus Kraft und Ideen zu entwickeln für den Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.

 Lasst uns beten für die Schöpfung, die uns als Lebensboden anvertraut ist und die in vielen Bereichen bedroht ist.

Schöpfer der Welt, du hast alles, was zu dieser Welt gehört, uns in die Hände gelegt.
Schenke uns Ehrfrucht vor allem Leben und allen Gütern der Natur.
Lass uns so mit der Schöpfung umgehen, dass wir und die kommenden Generationen mit Freude in ihr leben können.

 Lasst uns beten für alle Menschen, die durch Krieg oder Terror bedroht sind, und für alle, die ihrer politischen oder religiösen Überzeugung wegen verfolgt werden.

Vater des Friedens und des Erbarmens, dein Sohn hat uns einen Weg vorgelebt, der zum gewaltlosen Miteinander einlädt.
Lass unter allen Menschen die Erkenntnis wachsen, dass ein offenes Wort mehr bewirkt als der Griff zur Waffe. Schenke den Bedrohten und Verfolgten die Zuversicht, dass am Ende die Wahrheit siegen wird.

 Lasst uns beten für unsere Toten, die uns nahe stehen und die wir vermissen, und auch für jene, die gestorben sind, ohne dass jemand um sie trauert.
Lasst uns beten auch für jene, die bewusst ihrem nahen Tod entgegengehen.

Gott du Ursprung und Ziel des Lebens, schenke ihnen dein Leben in Fülle.
Lass ihre Hoffnungen und ihre Sehnsucht in dir gestillt sein. Und hilf uns, auf das Wiedersehen mit ihnen in deiner Gegenwart zu hoffen und in tätiger geschwisterlicher Liebe zu warten.
Du bist und du bleibst unsere Hoffnung, dass das Leben der Menschen und das Leid der vielen nicht hängen bleibt im Tod. Auf dich und deinen Sohn am Kreuz vertrauen wir.
Mit ihm zusammen beten wir zu dir, wie er uns zu beten gelehrt hat...
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel;
denn Dein ist das Reich, die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.