Fest des Heiligen Michael / Patrocinium, Lesejahr c

28.09.2003



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wir feiern heute das Fest des Erzengels Michael, dem unsere Kirche geweiht ist.
Nach der kirchlichen Tradition ist Michael der Streiter für Gott - so ist er auf dem Taufstein und an der Außenwand unserer Kirche dargestellt.
Wie steht es um unseren Einsatz für die Sache Gottes? Stehen wir mit Leib und Seele dahinter?
Michael ist der Seelenwäger. Die Figur über dem Sakristei-Eingang zeigt ihn so.
Was hat Bedeutung für unsere Lebensgestaltung? Was hat Gewicht in unserem Leben?
Ist uns das dann so wichtig, dass wir uns dafür einsetzen?
Und im Fenster der Apsis sehen wir, wie der Engel Michael Weihrauch brennt,
um die Gebet aller Heiligen vor Gott zu bringen.
Brennt unsere Liebe zu Gott, so dass etwas ausstrahlt von unserem Glauben,
hell leuchtend, einladend, wärmend?

Es sind Fragen an uns, auf die wir uns am Beginn dieses Gottesdienstes besinnen wollen.
Der, der auf dem Thron sitzt als das Lamm, das geschlachtet worden ist für uns, rufen wir um Erbarmen an.

Predigt/Ansprache

Mehrmals legen wir in der Liturgie ein Glaubensbekenntnis ab.
Vielleicht ist es nicht unser Glaubensbekenntnis, sondern die Worte kommen uns nach der Predigt oder im Ruf nach der Wandlung mehr gewohnheitsmäßig über die Lippen.
So oder so: wichtiger als alle Worte ist, ob und wie wir draußen, vor den Kirchentüren,
zu unserem Glauben stehen oder ob wir ihn bereits am Weihwasserkessel bis zum nächsten Sonntag liegen lassen.

Vom Schriftsteller Alfred Döblin - sein Roman Berlin Alexanderplatz ist vielen sicherlich bekannt - ist ein Aufsehen erregendes und anstößiges Glaubensbekenntnis überliefert. Im Exil, ausgelöst durch Verfolgung und Zweiten Weltkrieg, hatte sich der Jude nach langem inneren Ringen taufen lassen und war katholisch geworden. Bei der Feier seines 65. Geburtstages im August 1943 in einem Kino in Los Angeles bekannte sich der Autor ausdrücklich zu seiner Bekehrung und zu seinem Glauben.
Seine Gäste, darunter die Brüder Heinrich und Thomas Mann, fanden dieses Bekenntnis anstößig, peinlich und deplaziert. Bert Brecht notierte sich über diesen Vorgang in sein Tagebuch, der Glaube sei Privatsache. Er warf deswegen Döblin vor, die Bühne zur Kanzel
und das Theater zur Kirche gemacht zu haben. Der Glaube - eine Privatsache? Das Bekenntnis zum Glauben wie seine Ablehnung verlangen nach Öffentlichkeit und Auseinandersetzung. In Wort und Bild wird heute um den Glauben oder den Unglauben gestritten und gerungen.
Der Glaube liegt nicht mehr am Rand, er ist keine Privatsache mehr. Er ist mittendrin und fordert den Menschen heraus, zumal solche, die denken können und denken wollen.

Wenn es stimmt, dass Künstler besonders hellsichtig sind, wenn es richtig ist, dass Dichter
Vorgänge und Entwicklungen verdichten, also auf den Punkt bringen können, dann ist es um den christlichen Glauben gut bestellt. Denn er findet derzeit lebendige Auseinandersetzung.
Wenn über Glauben und Religion nicht mehr gestritten würden, wären sie tot.


Bei den meisten von uns wurde der Glaube durch die Taufe begründet. Es dauerte lange und kostete sehr viel Mühe, diesen Glauben weiterzuentwickeln: ihn aus den Kinderschuhen herauszuholen und lebendig zu machen, reifen zu lassen. Dieser Prozess ist in keinem von uns abgeschlossen. Aber immerhin: der Glaube liegt in unseren Händen und in unserem Herzen

Im Schauspiel „Des Teufels General" von Carl Zuckmayer fragt Hartmann: Glauben Sie an Gott? und Harras antwortet: Ich weiß es nicht! Er ist mir nicht begegnet. Aber das lag an mir.
Ich wollte ihm nicht begegnen. Er hätte mich vor Entscheidungen gestellt, denen ich ausweichen wollte.
Das genau ist, was manche Christen hindert, sich zu ihrem Glauben zu bekennen. Sie würden dann vor Entscheidungen gestellt, denen sie ganz gerne ausweichen.

Das Fest unseres Kirchenpatrons stellt uns vor Entscheidungen; zum Beispiel vor die Frage, ob wir den Glauben zulassen als etwas, das uns verändern will und kann. Vom Glauben, um den es geht, sagt die Schrift, dass er sogar Berge versetzen kann. Vielleicht ist das zu viel verlangt,
aber etwas in Bewegung bringen, etwas Gutes in Gang halten, beim Abtriften in Unarten Sand im Getriebe sein, bei aller Flatterhaftigkeit der Meinungen fester Halt sein, Orientierungspunkt - das kann Glaube auch bei uns sein.

Freilich geht das nur, wenn wir den Glauben tagtäglich betätigen und im Tun die Bestätigung erhalten für seine Richtigkeit. Glaube, der nicht getan wird, bleibt unverbindlich, zerfließt und löst sich auf, verschwindet. Den Glauben tun - das ist die Einladung dieses Festes.
Wenn ich den Glauben tue, dann trage ich Gottes Sache für die Menschen weiter, dann trete ich an die Seite von Gott und den Menschen, dann trete für ein für ihn und die Schwestern und Brüder.

Das müsste uns, wenn der Glaube in uns wirklich Wurzeln geschlagen hat, auch gelingen:
wir haben es nur noch nicht ausprobiert, weil auch wir vor den Entscheidungen zurückschrecken. Über allen Glaubenden aber steht die Zusage Gottes: Fürchte dich nicht, denn ICH bin bei dir ich werde dir helfen.(vgl Jer 1, 8)
Mit dieser Zusage können wir es wagen, den Glauben zu tun.

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

An unseren Herrn Jesus Christus, der die menschgewordene Liebe des Vaters zu allen ist,
wenden wir uns voll Vertrauen...

 

* für die Gemeinschaft der christlichen Kirchen, die sich in ihrer Zerrissenheit in verschiedene Konfessionen und Gruppierungen immer wieder schwer tut, der Frohen Botschaft Gehör zu verschaffen in unserer Zeit und Gesellschaft...

Christus, höre uns ... Christus, erhöre uns ...

* für die Völker, die benachteiligt sind in der Verteilung dessen, was die Erde für alle bietet; und für alle, die sich um einen gerechten Ausgleich mühen...

* für jene Menschen, die ihr Leben als Last empfinden, für alle, die von Sorgen und
Ängsten bedrängt werden und nicht die bergende Nähe von liebenden Menschen spüren können...

* für alle, die treu zu ihrer Verantwortung stehen, die sich als Ehepartner oder Eltern oder in ihrem Beruf übernommen haben, und auch für jene, denen zur Treue die Kraft fehlt...

* für alle, die den Weg des Guten verlassen haben und den Rückweg zu Besinnung, Umkehr und Neuanfang nicht finden, weil sie allein gelassen sind...

* für uns selbst, die wir gern glauben möchten, aber immer wieder angefochten sind,
so dass der Glaube nicht durchträgt in der Dunkelheit des Alltags...

* für alle Menschen, die uns nahestehen, denen wir tagaus und tagein begegnen;
für alle, denen wir in irgendeiner Weise verbunden sind und auch für jene, mit denen wir nicht gut auskommen...

* für die, die zu unserem Leben gehörten und die gestorben sind und die wir nun schmerzlich vermissen und für jene, an die sich niemand mehr dankbar erinnert...

Herr, du Vater des Erbarmens, auf deine Güte dürfen wir vertrauen. Dafür sagen wir dir Dank jetzt und in der Ewigkeit. Amen