Allerheiligen / Totengedenken, Lesejahr C

01.11.2004



Einleitung in die Eucharistiefeier

"Das ist es, was das Sterben so hart macht, zu spüren, dass meine Gedanken und meine Träume und all meine Geschichten mit mir verschwinden und dass dann die Wasser des unaufhörlich flutenden Lebens über mich hingehen und meine Spuren verwischen als wäre ich nie gewesen." Maria Lohns

Die Grabmale und die Gedenksteine, die wir aufgerichtet haben über den Gräbern unserer Lieben, die Pflege der Gräber und die Lichter, die wir entzünden in Erinnerung an unsere Toten, sprechen stumm davon, dass wir nicht wollen, dass die Spuren des Lebens verwischen als wären sie nie gewesen.
Dieser Tag mit seinen Gebräuchen bringt unsere grenzüberschreitende Verbundenheit zum Ausdruck mit all den Menschen, die uns über den Tod hinaus etwas bedeuten und deren Erinnerung wir lebendig halten wollen. Diese Toten mögen mit unserem Leben verwoben bleiben und in unseren Alltag eintreten - manchmal treten sie unverhofft durch ein persönliches Stück in unsere Welt; manchmal brauchen wir gemeinsame Orte und Zeiten des Gedächtnisses, in denen der Persönlichkeit, der Einmaligkeit und der Unwiederholbarkeit dieses Menschen gedacht wird.
Wir sind hier auf dem Ostfilder-Friedhof zusammengekommen und stellen unser Gedenken und Beten unter das Wort der Geheimen Offenbarung: Was früher war, ist vergangen.
Wir glauben, dass wir unsere Vergangenheit und unsere Zukunft dem lebendigen Gott anvertrauen dürfen.

So beginnen wir diese Feier: Im Namen des Vater und des Sohne und des Heiligen Geistes. Amen

Erste Lesung (Off 21,1-7 )

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.
Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen. Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.
Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu. Und er sagte: Schreib es auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr. Er sagte zu mir: Sie sind in Erfüllung gegangen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst trinken lassen aus der Quelle, aus der das Wasser des Lebens strömt.
Wer siegt, wird dies als Anteil erhalten: Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Kind sein.

Predigt/Ansprache

Unsere Erde ist schön; wie ein blauer Saphir sieht sie aus auf den Fotos, die vom Mond her aufgenommen sind. Unsere Welt ist schön; was Menschen geschaffen haben an Kultur, was sie der Natur abgerungen haben an manchem karstigen Fleck der Welt, ist staunenswert und erfüllt mit Hochachtung vor dem Können der Menschen.
Ich lebe gern, weil das Leben in meiner kleinen Welt, ebenfalls schön ist.
Aber dieser letzte Satz lässt mich doch stutzen. Nicht alles ist schön in meiner kleinen Welt. Und viele andere werden das unterschreiben. Nicht auf alles trifft der Refrain des Schöpfungsberichtes am Anfang der Bibel zu, wenn es nach dem Werk jeden Tages heißt Siehe, es war alles gut. Nein, manches ist gar nicht gut.
Das Leid, das Menschen befällt, weil eine Beziehung scheitert, die so wichtig gewesen war, die das Leben ausmachte und lebenswert machte; die mit Schwung aufstehen ließ an jedem Morgen neu und abends mit Beruhigung die Augen schließen ließ. Die Krankheit, die Menschen überfällt wie aus heiterem Himmel. Jede Perspektive schwindet, der Horizont rückt dunkel und schwarz nahe und erdrückt. Alles ist wie gelähmt, fixiert, eingefroren.
Da ist der Tod, der mit scharfer Sense etwas auseinander schneidet, was zusammengehört hat im Leben, der uns etwas raubt, der uns selber verletzt und hilflos liegen lässt. Nein, nicht alles ist gut. Alles was war, wird anders. Was früher war, ist vergangen; durch den Tod ihrer Angehörigen spüren das viele: nichts ist mehr so wie früher und nichts wird mehr so wie früher.
Mancher Fuß kommt ins Straucheln, manche Augen können vor Tränen nichts mehr sehen, mancher Gehörgang ist verschlossen wie mit einem Pfropfen, wenn der Tod mitten in unser Leben greift. Selbst Gott ist da weit weg. So fern, dass er gar nicht mehr sein kann oder zumindest die Frage gestellt wird nach seinem wahren Charakter: ob er wirklich einer sei für uns und nicht gegen uns? Auf unserer Seite uns zugewandt oder doch ein Gegenüber und hart, das Glück uns neidend?
Für viele stellt sich die Frage nach Gott gerade angesichts des Todes. Wo er denn sei? Ob nicht doch alles trügt, weil da nichts mehr trägt? Gott ist nicht zu haben wie ein Sack Kartoffeln, gegen Aufpreis ins Haus geliefert. Er ist nur zu ersehnen wie das kleine Glück, das uns aufleben lässt; er ist nur zu erhoffen, wie eine Wandlung und wie ein Aufbruch in Neues; er ist nur zu glauben als einer, der jeden Sturm beruhigt.
Sind wir in der Lage den Verheißungsworten zu trauen, die wir in der Lesung aus dem Buch der Offenbarung gehört haben? Gott inmitten, enge Beziehung, alles umfassend, Anfang und Ende, nichts Veraltetes mehr, sondern alles neu geworden, keine Tränen der Trauer mehr, nur noch der Freude, kein Verlust mehr, sondern Gewinn, kein Warten mehr, sondern Erfüllung, kein Krampf und Kampf der Anstrengung mehr, sondern alles geschenkt? Können wir so glauben und hoffen? Ich wünsche es mir ...
Ich wünsche es uns, denn dann könnte ich ahnend spüren, wie wirklich eines ins andere greift: dass in jedem Sterben des Alten der Beginn von etwas Neuem liegt; dass in jedem Sterben Auferstehung beginnt, dass es keine Situation gibt, in der ich ohne den bin, der Leben und Auferstehung ist. Den will ich um Erbarmen anrufen: flüsternd und heiser vom vergeblichen Schreiben, mit tränenerstickter gebrochener Stimme, mit nagendem Zweifel im Herzen und manchmal auch mit wachsendem Vertrauen.
Er ist der, der das Alte nicht stehen lässt, sondern nach der Trauer mit neuer Kraft erfüllt, der nach der Unsicherheit die Schritte wieder fest macht, der nach der Enttäuschung neue Zuversicht schenkt. Er ist der Trost, der einzige auf Dauer... Wo er ist, wo ich ihn zulasse, da werden schon die vielen Tode, die wir erleben, zu einem Aufbruch in die Fülle des Lebens, schon jetzt und erst recht dann.

 

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Gott, wir kennen das Glück und das Elend des Lebens, wir wissen vom schmerzlichen und vom erlösenden Tod. Wir sind verbunden mit den Menschen, die wir gefunden und die wir verloren haben. Die Lebenden und die Verstorbenen, die Glücklichen und die Trauernden vertrauen wir deiner Güte an:


 Wir vermissen die Menschen, die wir geliebt haben und die uns geliebt haben.
Wir trauern um diejenigen, mit denen wir gerne noch eine Lebensspanne verbracht hätten.
Wir empfinden den Schmerz der Liebe, die kein Gegenüber mehr hat.
Gott, wir vertrauen deiner Liebe unsere Verstorbenen und uns selbst an.
Lasset zum Herrn uns beten...

 Leben pflanzt sich fort von Generation zu Generation. Die Familie, Eltern und Großeltern sind unsere Herkunft. Aber unser Leben reicht weit zurück in das Dunkel der Geschichte. Gott, wir vertrauen deiner Treue alle an, die uns ins Leben gebracht haben und denen wir unser Leben verdanken.
Lasset zum Herrn uns beten...

 Wir gehören zu einem Volk, durch das Segen und Unheil in die Welt gekommen ist.
Wir wissen um Kriege und Gewalttaten, die im Namen unseres Volkes verübt wurden. Wir erinnern uns an die Menschen, die Zerstörung und Vertreibung erlitten und den Wiederaufbau ermöglicht und bewerkstelligt haben. Gott, wir vertrauen Opfer und Täter deiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit an.
Lasset zum Herrn uns beten...

 Wir wissen um die Wirtschaftsordnung in unserer Welt, um das Vorhaben der Globalisierung. Wir wissen um die berechtigte Sorge, dass sie armen Länder weiter verarmen und manche Menschen noch weniger Lebensmöglichkeiten haben.
Gott, wir vertrauen deiner Fürsorge die Lebenden und die Toten an, die an Armut, mangelnder Hygiene und fehlenden Medikamenten leiden und sterben.
Lasset zum Herrn uns beten...

 Gewalt und Terror sind nicht auszurotten. Menschen, Volksgruppen und politische Organisationen wollen ihre berechtigten Interessen oder ihre selbstgerechten Ansprüche mit Anschlägen und Überfällen zur Geltung bringen. Immer sind unschuldige Menschen die Leidtragenden und immer dreht sich die Spirale der Gewalt weiter.
Gott, wir vertrauen das Unvermögen zum Dialog und die Verblendung der Menschen deiner Weisheit und Gnade an.
Lasset zum Herrn uns beten...

 Wir kennen die Vorzüge unserer Technik. Wir genießen die Möglichkeiten des Verkehrs, der uns schnell in alle Welt bringt. Wir entfesseln die Energie der Atome und machen uns die Kräfte der Natur zunutze. Alle Vorzüge unserer technisierten Welt fordern Opfer von Menschen, von Lebensqualität und Zukunftschancen.
Gott, wir vertrauen deiner schöpferischen Kraft alle Geschöpfe an, die zum Opfer vom menschlichen Können und Größenwahn geworden sind.
Lasset zum Herrn uns beten...


Lasst uns alles, was uns in dieser Stunde bewegt, Gott, dem Vater, anvertrauen mit dem Gebet, das Jesus uns beten gelehrt hat.... Vater unser...

 

Segensgebet

Er, der spricht Ich bin Jahwe dein Gott, er sei vor euch, um euch den rechten Weg zu zeigen.

Er sei neben euch, um euch in die Arme zu schließen und euch zu beschützen.

Er sei hinter euch, um euch zu bewahren vor der Heimtücke des Bösen.

Er sei unter euch, um euch aufzufangen, wenn ihr fallt.

Er sei in euch, um euch zu trösten, wenn ihr traurig seid.

Er, der spricht Ich bin Jahwe dein Gott, sei über euch, um euch zu segnen heute und morgen und immer: der Gott für euch segne euch im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen