Heilige Nacht / Christmette, Lesejahr C

24.12.2006



Einleitung in die Eucharistiefeier

Wenn wir einen Geburtstag feiern, dann danken wir für das Geschenk des Lebens.
Wer sich des Lebens nicht freuen kann, feiert diesen Anlass nicht.
Heute feiern wir einen besonderen Geburtstag, den entscheidenden für uns alle.
Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter, Erlöser, Heilbringer, das Wort Gottes ist Mensch geworden.
Gott nimmt uns an, er nimmt unser Leben an und so nimmt er uns in seine Heilsgeschichte hinein.
Diese Menschenfreundlichkeit Gottes gilt allen.
Wir sehen das Kind in der Krippe, sehen nachher Brot und Wein auf dem Altar.
Aber wenn wir mit dem Herzen hinschauen, begreifen wir die Zeichen der Liebe, die uns geschenkt wird und die wir empfangen können: Gottes Gabe für das Leben der Welt.
Dieser Liebe Gottes wollen wir uns öffnen, diese Liebe wollen wir aufnehmen,
damit sie uns wandeln kann.

Lesung aus dem Buch Jesaja (Jes 9, 1-6)

Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.
Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
Denn wie am Tag von Midian zerbrichst du das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers.
Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.
Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten.
Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen.

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus Tit 2, 11-14

Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.
Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.
Er hat sich für uns hingegeben, um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen, das ihm als sein besonderes Eigentum gehört und voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 2,1-14 )

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.
Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen.
So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete.
Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.
Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.
In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.
Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie.
Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.
Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:
Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.

 

Predigt/Ansprache

Ich möchte Sie heute Abend zu zwei Hauptdarstellern im Stall von Betlehem führen.
In den ältesten Krippenszenen der christlichen Kunst sind dies Ochs und Esel.
Im Blick habe ich einen Sarkophag um 400, also aus der Zeit, in der das Christentum langsam öffentlich und für die Gesellschaft prägend wurde.
Da wird auf Maria verzichtet, auf Josef sowieso, da kommen keine Hirten vor und keine Engel im Chor, da stehen Ochs und Esel an der Krippe.
Es ist anders als im Weihnachtsevangelium: da fehlen Ochs und Esel.
Warum gehören sie in der Kunst seit frühester Zeit dazu, obwohl sie in der Weihnachtsgeschichte des Evangeliums nicht vorkommen, höchstens eine Erfindung späterer Legendenbildung sind.
Die Theologen sehen in Ochs und Esel das heilige Volk Gottes verkörpert und die Heidenvölker.
Der Ochse steht für Israel, weil er das Joch des Gesetzes tragen muss.
Der Esel ist ein Bild für die Welt der Heiden.
So sind Ochs und Esel keine Stallidylle und keine Zugabe barocker Fantasie.
Sie sind kritische Partner in der Betlehemgeschichte, denn Jahrhunderte zuvor hatte der Prophet Jesaia in einer Bußpredigt seinen Zuhörern vorgehalten:
Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. Israel aber erkennt nichts. (Jes 1, 3)
Jesaia hat damit gemeint, dass die Menschen ohne Gotteserkenntnis leben und nicht einsehen wollen, dass das Heil nicht in der Selbstverwirklichung liegt, sondern in der Erlösung von diesem Tanz um das eigene Ich, dass das Heil von außen kommt und nicht von innen.
Deswegen rückten die Theologen der frühen Kirche Ochs und Esel an die Krippe des Kindes,
das das Heil der Welt ist.
Ich denken oft, dass sich seitdem nicht viel verändert hat. Wir erkennen nichts und erst recht das nicht, auf das es ankäme. Wir erkennen den nicht, auf den es ankommt.
Ochs und Esel vertreten uns mit unseren Vorbehalten, mit unseren Zweifeln und Einwänden.
Weil vernunftbegabte Menschen im Unglauben hängen bleiben, stehen die vernunftlosen Tiere staunend vor dem Geheimnis der Heiligen Nacht: der dumme Ochse und der störrische Esel.
Hören wir diese kritischen Töne?
Sie kritisieren uns, die wir wie stumme tumbe Ochsen und wie widerborstige Esel vor dieser Liebe stehen.
Die Psychologie weiß: was man im anderen sieht und bekämpft, das steckt auch in einem selbst.
Wer einen Esel störrisch nennt und einen Ochsen dumm, macht eine Aussage auch über sich.
Die Zeitgenossen von damals haben nicht begriffen, was es mit dem Kind in der Krippe auf sich hat. Sie glänzen durch Abwesenheit
und werden - Gott sei Dank - vertreten durch Ochs und Esel. Da fragt man sich,
ob Ochs und Esel nicht auch an diesem Weihnachten, 2006 Jahre nach dem Ereignis,
immer noch den Platz an der Krippe einnehmen müssen, weil die, für die diese Plätze gedacht waren, auch heute nicht angetreten sind.
Was Advent und Weihnachten für sie bedeute, wurden Leute befragt.
Hektik, Stress, Glühwein, Kerzen, Stimmung, Musik - das war der Tenor der Antworten.
Ganz zaghaft die einfache Antwort, die fast aus der Reihe tanzte: in erster Linie der Geburtstag von Jesus.
Spüren wir, wie notwendig Ochs und Esel an der Krippe sind?
Während wir mit Hektik und Umsätzen kämpfen, während wir auf Idylle und Stimmung machen, während wir für das Kind in der Krippe keinen Blick haben, keine Zeit und keinen Gedanken - stehen Ochs und Esel dort, damit wenigstens zwei Lebewesen dort sind, wo das Leben der Welt das Licht der Welt erblickt.
Wer ist der Ochse? Wer ist der Esel? Wer der Dumme? Wer der Sture?
Ochs und Esel erzählen von einer geistigen Abwesenheit, von unserer besserwisserischen Uneinsichtigkeit, von unserem sturen Festhalten an der angeblichen Tatsache, dass man nicht alles glauben könne und glauben müsse.
Wenn wir Weihnachten, Tatsache und Geheimnis unseres Glaubens in einem, erleben wollen, dann müssen wir in den Stall gehen und uns zur Krippe hinabbeugen.
Mag das bekannte Eingangsportal zur Geburtskirche von Betlehem aus architektonischen oder historischen Gründen so niedrig sein, dass jeder, der diese Kirche betreten will, sich bücken muss - die tiefe Symbolik da wird zur theologischen Realität: Wer den Gott finden will,
der sich erniedrigt hat bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz, der wird ihn nur dort finden,
wo er selbst sich auch bückt, klein macht, niedrig macht und gering.
Gehen wir also zur Krippe, gehen wir in die Knie, schauen wir ruhig und gelassen das Kind an, ohne es zu verklären.
Entdecken wir in diesem Kind unser eigenes unverstelltes, unverbildetes und unverdorbenes Wesen. Lassen wir die Freundlichkeit, die von diesem Kind ausgeht, langsam auf uns übergehen.
So könnte Weihnachten ein Weg zu uns selbst werden.
Wir erleben an uns, um uns und in uns viel Dunkles, viel Durcheinander, viele Grenzen und Schwächen. Wir erleben uns an den meisten Tagen weit weg von Gott, so auf der ganz anderen Seite der Wirklichkeit.
Dagegen sagt uns Weihnachten: Genau auf deiner Seite, im Stall deiner Welt, kommt Gott zur Welt, umgeben von deinen Schwächen und Grenzen, inmitten deiner Blindheit und Verbohrtheit, zwischen Ochs und Esel.
Einfache und verschrieene Hirten und blöde Tiere kommen, um das Kind anzubeten.
Unser angeblich kluger Verstand, der uns von den Tieren unterscheidet, bleibt zurück
und erkennt und versteht nichts.
Gehen wir zur Krippe.
Stellen wir uns zu Ochs und Esel in gute Gesellschaft. Nehmen wir aus ihrem Blickwinkel das Zentrum wahr: das Kind in der Krippe.
Diesen Menschen, auf den es ankommt, das Menschenskind und den Gottes Sohn,
Tatsache und Geheimnis zugleich.
Gott wurde Mensch.
Er kommt in unsere Geschichte. Er macht hell die Nacht der Welt, die Nacht uns Unglaubens,
die Nacht der Unbegreiflichkeit, die Nacht der Ängste und der Hoffnungslosigkeit.
Er macht diese Nächte alle zur Weih-nacht, zur ganz anderen, zur Heiligen Nacht.
Und hören wir die Botschaft: durch das Kind in der Krippe können wir neue Menschen werden.
Menschen, die den Dingen auf den Grund gehen und sich nicht von ihnen treiben lassen.
Menschen, die nach dem Woher und Wohin ihres Lebens fragen. Menschen, die nicht alles selbst erklären und machen müssen, sondern sich das Wesentliche schenken lassen können.
Menschen, die liebe können, weil sie vertrauen, dass sie wirklich schon längst geliebt sind.
Menschen, für die die Utopie von Weihnachten, nämlich Freude und Friede für alle, zur Realität wird.
Heute ist euch der Retter geboren, Christus, der Herr.
Kommt, lasst uns anbeten den König, den Herrn.
Nachdem wir den Rücken geneigt und uns gebückt haben, können wir aufrecht stehen voller innerer Kraft.
Ihnen allen: Frohe und gesegnete Weihnachten!

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Heute ist uns der Retter geboren, Christus, der Herr.
An ihn wenden wir uns voll Vertrauen.


+ wir beten für alle christlichen Kirchen und Gemeinschaften, die heute mit uns das Fest der Geburt Jesu Christi feiern ...

+ wir beten für alle, die mit der Botschaft der heiligen Nacht nichts anzufangen wissen oder sie nicht verstehen können ...

+ wir beten für alle, die einsam sind, für die Trauernden und Alleingelassenen, für die Verzweifelten und Hoffnungslosen, die nichts vom frohmachenden Licht dieser Nacht spüren


+ wir beten für alle, die unter Krieg leiden, unter Streit und Ungerechtigkeit und die den Frieden dieser Nacht nicht erahnen können ...

+ wir beten für die Eltern, die ein Kind erwarten, für jene, die sich unbeschwert darauf freuen, und für jene, die dadurch in Schwierigkeiten kommen ...

+ wir beten für jene Menschen, die mit uns gelebt haben und dieses Jahr nicht mehr unter uns sind ...

Ewiger Gott, du erfüllst durch die Geburt deines Sohnes die Welt mit deinem Licht
und bringst ihr deinen Frieden und deine Gerechtigkeit.
Voller Freude sagen wir dir Dank, jetzt und alle Tage unsere Lebens bis zur Ewigkeit.