1. Weihnachtstag, Lesejahr C

25.12.2006



Einleitung in die Eucharistiefeier

Weihnachten ist ein stimmungsvolles Fest: das Licht der Kerzen, die vertrauten Melodien der Weihnachtslieder, die familiäre Feier mit dem traditionellen Essen.
Weihnachten ist aber auch geprägt von inhaltsschweren Begriffen: wie Wort, das Fleisch annahm, wie Licht, das leuchtet in der Finsternis, wie Gnade und Wahrheit und deren Fülle.
Es ist gut, dass wir Weihnachten feiern in der Nacht und am Tage: in der Nacht die liebliche Stimmung, am Tag den Ernst der ganzen Botschaft, die uns einfordert.
Gott selbst wird Mensch: einer von uns, von einer Mutter geboren wie wir.
ER bliebt nicht für sich, ER suchte die anderen - die Kleinen und die Geringsten, die Verachteten, die Verzweifelten und die Hoffnungslosen.
Deshalb müssen wir herausgehen aus uns selbst, aus unserem Egoismus und unserer Isolation,
die wir oft genug um uns herum aufrichten.
Durch unser Zugehen auf andere, durch unser Tun sollen wir bezeugen: Gott ist wirklich Mensch geworden.
Da wir hier immer wieder versagen, sind und bleiben wir angewiesen auf das Erbarmen dessen, den wir ehren als Menschen-Sohn und Gottes-Kind.

 

Predigt/Ansprache

Was bedeutet es, dass der große Gott uns Menschen gegenübertritt in der Gestalt eines hilflosen Kindes.
Hilfloses Kind - diese Kennzeichnung trifft nur bedingt zu. Im Sinne körperlicher Kraft ist ein Kind natürlich hilflos. Aber in Bezug auf die Fähigkeit, die Herzen der Erwachsenen zu rühren, ist es ganz schön mächtig.
Verhaltensforscher weisen darauf hin, dass es in der Natur offenbar eine Art Kindchen-Schema gibt, auf das wir alle spontan ansprechen. Pausbacken, große Augen, ein kleiner Saugmund, weiche runde Körperformen - solche Merkmale empfinden wir instinktiv als „herzig", das heißt sie wecken in uns die Neigung, ein Kind auf den Arm zu nehmen,
es zu streicheln und zu wiegen, kurz: es zu herzen.
Wenn nun ein Mensch gegen dieser Zug der Natur handelt, wenn er ein Kind quält oder gar tötet, sind wir zutiefst empört. Der Täter erscheint uns als Un-Mensch.
An Weihnachten feiern wir die Menschwerdung, die Kindwerdung unseres Gottes.
Gott war für Glaubende immer eine Machtgestalt. Wenn Gott nun Mensch wird, so dachte man, dass er in die Gestalt eines Mächtigen schlüpft, dass er als König oder Feldherr oder wenigstens als Gelehrter zu seinen Geschöpfen kommt.
Gott aber wählt eine andere Erscheinungsform: er wird Kind. Das heißt doch: Er will nicht durch Reichtum, durch Weisheit oder Stärke beeindrucken.
Er will vielmehr Macht in ihrer mildesten Form ausüben, die bezaubernde Macht des Kindes,
das die guten Kräfte unseres Herzens weckt, das Liebe schenkt und Liebe erwartet.
Das also ist die Botschaft des göttlichen Kindes an alle Menschen guten Willens: Gott ist Leben, Liebe und Kreativität.
Er hat es weniger mit Gewalt als mit Herz zu tun. Er will - man verzeihe des Ausdruck -,
dass wir ihn „herzig" finden und ihm gegenüber ähnliche Gefühle haben wie vor einem Menschenkind, dem wir spontan unsere Zuwendung schenken.
Das göttliche Kind ist aber nicht nur einfach „herzig", es steht für etwas Neues,
für eine progressive Geistigkeit.
Wer sich zu diesem Kind bekennt, muss den Mut haben, Traditionen in Frage zu stellen und neue Wege einzuschlagen.
Psychologen machen auf folgendes aufmerksam: wenn ein Mensch in der Mitte seines Lebens
in eine Krise geraten ist und er nicht weiß, wie es weiter gehen soll, dann trete in seinen Träumen immer wieder ein Kind auf, das ihn in eine bestimmte Richtung lockt und führt.
Ganz instinktiv fühle er dabei, dass dieses Kind all die Kräfte verkörpere, die bisher ungenutzt in ihm geschlummert haben. Wenn er glücklich werden wolle, dann könne er nichts Besseres tun, als diesem Kind zu folgen.
Diese Einsichten dürfen wir ruhig übertragen auf das Kind von Bethlehem.
Für uns Christen stellt es den Inbegriff eines geglückten Lebens dar.
An Jesus erfahren wir, was es heißt, Ebenbild Gottes zu sein.
Mit dem Blick auf dieses Kind wird der heilige Paulus später sagen: Nicht mehr ich lebe,
sondern Christus lebt in mir.
Das heißt: das göttliche Kind will symbolisch und real in jedem von uns zur Welt kommen.
Wir haben seine Heilsbotschaft nur dann begriffen, wenn wir zu einem geistigen Bethlehem geworden sind, zum Geburtsort des Herrn, der schon vor aller Zeit war, aber in diese Zeit, in unsere Zeit hinein geboren werden soll.
So mahnt der Mystiker Angelus Silesius: Wird Christus tausendmal in Bethlehem geborgen,
und nicht in dir - du bliebest doch ewiglich verloren.
Das ist das so Schwierige an Weihnachten: zum Ort zu werden, wo Gott selbst menschlich erfahrbar wird durch uns, wo sein tröstendes Wort Hoffnung schenkt durch unser Wort,
wo seine nie erlahmende Kraft Müde stärkt durch uns, wo seine grenzenlose Liebe alles umfasst durch uns.
Sind das Utopien - ortlose Vorstellungen, die ich schnell wieder vergessen kann?
Ja es sind Utopien, ortlos und wertlos, wenn sie nicht Gestalt annehmen durch uns, die wir uns nach diesem Jesus Christus benennen.
Weihnachten ist wirklich ein schwieriges Fest, weil es uns so viel abverlangt, um Mensch zu werden wie Gott selbst einer war.
Es verbietet uns, quasi hinter dem Ofen in Ruhe sitzen zu bleiben Es macht uns vielmehr Beine und Hände, es öffnet Augen und Ohren und auch das Herz Weihnachten ist ein schwieriges Fest, weil es herausfordert und zwar den ganzen Menschen.

 

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Lasst uns beten zu Gott, der durch irdische und himmlische Boten sein Kommen angekündigt hat.


+ für die Christen auf der ganzen Erde:

dass sie die Weihnachtsbotschaft in ihrem Herzen bewahren,
deine Gegenwart erfahren und darauf ihr Leben gestalten ...

Treuer, menschenfreundlicher Gott ... Herr, erbarme dich ...

+ für die Mitarbeiter in den großen und kleinen Zentren der Medien:

dass sie für ihr Denken und Handeln Maß nahmen an der Botschaft von der Würde und dem Wert aller Menschen ...

+ für die Familien in unserem Land:

dass ihr Alltag von der Liebe geprägt ist, die uns im Kind von Bethlehem erschienen ist ...

+ für die Menschen, die sich nach Wahrheit und Heil sehnen:

dass sie Mitmenschen begegnen, die ihnen die Botschaft der Erlösung einladend vorleben

+ für die Menschen, deren Leben von Krieg, Hunger und Unterdrückung gezeichnet ist:

dass wir in der Lage und willens sind, ihre vielfache Not zu lindern ...

+ für uns selbst:

dass wir Boten des Friedens und der Freude für die Menschen in unserem Lebenskreis werden.

Segensgebet

Wenn du dich satt gesehen hast
an dem Kind in der Krippe,
dann dreh dich nicht um und geh fort.
Mach erst seine Augen
zu deinen Augen,
seine Ohren zu deinen Ohren
und seinen Mund zu deinem Mund.
Dazu helfe dir Gott!

Wenn du dich satt gesehen hast
an dem Kind in der Krippe,
dann dreh dich nicht um und geh fort.
Mach erst seine Hände zu deinen Händen,
sein Lächeln zu deinem Lächeln,
sein Herz zu deinem Herzen.
Dazu stärke dich Gott!

Erkenne in jedem Menschen
deinen Bruder, deine Schwester.
Wenn du ihre Tränen trocknest,
ihre Not und Freude teilst,
dann ist Gottes Sohn in dir geboren
und du darfst dich freuen
und Weihnachten feiern.
Dazu segne dich Gott:
der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Roland Breitenbach, Sechs - Minuten - Predigt, für die Sonn - und Feiertage im Lesejahr B, Seite 18.