Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, Lesejahr C

15.08.2010



Predigt/Ansprache

Liebe Gemeinde,
wir feiern heute das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Wir freuen uns für und mit Maria über das ihr widerfahrene Heil - wir dürfen uns aber auch für uns selbst freuen, denn an Maria wird sichtbar, was jedem von uns verheißen ist.
Vielen Menschen macht es Schwierigkeiten, dass die Tradition von der Aufnahme Marines mit Leib und Seele spricht. Es wird dabei übersehen, dass Glaubensaussagen keine naturwissenschaftlichen Aussagen sind. Die Worte des Glaubens zeichnen Bilder vor unser inneres Auge, und die Bilder tragen eine Botschaft.

Den Ausdruck „mit Leib und Seele" kennen wir aus unserem Alltag: Da ist jemand „mit Leib und Seele" bei der Sache, etwa, wenn jemand voller Begeisterung spricht und Hände, Gesicht , ja der ganze Körper mit den Worten mitsprechen. Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, um sich zu erinnern, wann Sie zuletzt einen Menschen erlebt haben, der „mit Leib und Seele" bei der Sache war.
Stille
Wann waren Sie selbst zuletzt „mit Leib und Seele" bei einer Sache dabei?
Stille

In der biblischen Tradition bilden Leib und Seele eine untrennbare Einheit: Beides gehört zum Menschen und nur durch beides zusammen ist der Mensch Mensch. „Leib" steht dabei nicht nur für den Körper; er steht für alle Erfahrungen, die wir mit unserem Körper machen - die lustvollen wie die schmerzhaften. Es sind Erfahrungen, die uns prägen, die untrennbar mit uns verbunden sind. „Leib" steht auch für die Einbindung in die natürliche Welt; er steht für unsere Beziehungen zu anderen Menschen, für Gespräche, ein freundliches Lächeln, ein in-den-Arm- genommen-Werden - aber auch für die Verletzungen, die wir vielleicht von anderen erfahren haben. „Mit Leib und Seele" meint also den ganzen den Menschen, mit allem, was zu ihm gehört, insbesondere mit seiner Vergangenheit, die ihn geformt hat und ohne die er nicht denkbar ist.

Was wäre die Alternative zu einer Aufnahme „mit Leib und Seele"?
Es gab in der Geschichte des Christentums immer wieder Strömungen, die zwischen der guten Welt des Geistes und der schlechten Welt des Fleisches trennen wollten. Erlösung wurde gedacht als Erlösung der Seele, die ihre irdischen Fesseln abschüttelt. Ein solches Denken hat zur Folge, dass alles, was mit Leiblichkeit zu tun hat, gering geschätzt oder gar verteufelt wird. Der Mensch wird entzwei gerissen und muss einen Teil von sich verneinen. Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele stellt sich diesem Denken entgegen. Es sagt uns, dass, was wir tun und was wir sind, einen bleibenden Wert hat, dass die jenseitige Erlösung unser Leben in der Welt nicht beiseite wischt, sondern vollendet, und auch, dass wir unsere Körperlichkeit annehmen dürfen als ganz zu uns gehörend.

Die Blumen und Kräuter, die traditionell am Fest der Aufnahme Mariens gesegnet werden, bringen dies zum Ausdruck: Sie dienen unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden. Sie zeigen unsere Freude an der Schönheit der Welt und bringen eine Wertschätzung der Schöpfung zum Ausdruck. Sie betonen, dass alles Irdische ein Geschenk Gottes ist zu unserem Heil - einem Heil an Leib und Seele.

Ina Zimmermann