1. Advent, Lesejahr C

30.11.2003



Einleitung in die Eucharistiefeier

Einkaufstempel werden manchmal riesige Shoppingcenter genannt. Da bekommt Einkaufen fast einen religiösen Anstrich.
Oder es wir vom Kaufrausch gesprochen; das heißt, dass Menschen ihre Vernunft über Bord werfen und geradezu außer sich geraten, ohne Rücksicht auf die Folgen.
Ausgerechnet der Advent ist zu einer Zeit verkommen, in der die Ersatz-Religion des Haben-Wollens ihr höchstes Fest feiert.
Da ist es gut, dass wir hier zusammenkommen und uns die Botschaft zusprechen lassen, die auch dann noch trägt, wenn alles, was man für Geld bekommen kann, längst vergangen ist.
Ihn, der diese gute Botschaft gebracht hat, ja der sie selber ist, ehren wir mit dem Ruf um Erbarmen...

Erste Lesung (1Thes 3,12-4,2)

Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir euch lieben, damit euer Herz gefestigt wird und ihr ohne Tadel seid, geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt. 
Im Übrigen, Brüder, bitten und ermahnen wir euch im Namen Jesu, des Herrn: Ihr habt von uns gelernt, wie ihr leben müsst, um Gott zu gefallen, und ihr lebt auch so; werdet darin noch vollkommener! Ihr wisst ja, welche Ermahnungen wir euch im Auftrag Jesu, des Herrn, gegeben haben.

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas (Lk 21, 25-28.34-36)

Lk 21, 25-28.34-36

Predigt/Ansprache

Endlich groß werden - all das können, was Erwachsene können und tun dürfen...wer kennt diesen Wunsch nicht?
Aus dem Blickwinkel von uns Erwachsenen fühlt sich das oft ganz anders an: da haben wir mit der Lust größer zu werden, auch schon der Schmerz der Niederlagen gespürt. Da ist mit dem Reichtum wachsender Erfahrungen, auch das Wissen um Schuld und um die eigenen Grenzen gewachsen. 
Ja, da haben wir auch schon in jenen Abgrund geschaut, der Lebensverweigerung heißt oder ein ander Mal Lebensangst. Wir wollen unsere Lebensgestalt finden und irgendwie haben wir doch Angst davor. Dieser Geburtsschmerz vor dem Neuen - und in seinem Dienst - gehört wohl lebenslang hinzu.
Ob vielleicht deshalb so viele Angst haben, ein wirklich eigenes Leben zu wagen und den Mut zu einer unverwechselbar eigenen Biographie zu riskieren?
Machen Sie doch einmal das Experiment: Schreiben Sie Ihren eigenen Nachruf! Wer möchte ich geworden sein, wenn ich gewesen bin? Wie sieht die Hoffnungsgestalt meines Lebens aus? Komme ich ihr näher, Jahr für Jahr, Advent für Advent?
Bei den meisten Menschen in unserer Gesellschaft sei es eine Unverschämtheit, wenn sie ICH sagen, meinte der Philosoph Adorno. Mit der Sehnsucht ganz heil zu sein, ist abgründig auch Angst verbunden: Angst vor der Freiheit, vor der Liebe, vor dem Leben. Leben wir deshalb zu wenig, zu wenig intensiv? Lassen wir uns deshalb so schnell abfinden mit allem Möglichen und ruhig stellen?
Die Fortschrittsgesellschaft, in der wir alle leben, hat dafür ein verrücktes Wort erfunden: Nullwachstum. Die Hoffnung auf Wachstum wird nicht aufgegeben, aber faktisch ist sie verabschiedet. Sie es in manchen Gemeinden auch so aus? In der Kirche? Im eigenen Leben?
Wir feiern Advent, also Aufbruch, aber findet er statt? Wir sehnen uns danach, authentische Christinnen und Christen zu werden, aber haben wir diese Sehnsucht nicht schon längst im Ansatz ermäßigt auf ein Nullwachstum und auf bloß äußerliche Weihnachtsvorbereitungen reduziert?
So sehr unsere Sehnsucht nach einem erfüllten Leben auch zwischen Realismus und Einbildung hin und her schwankt, ein innerer Kompass ist vorhanden. In jedem von uns schlummert ein Schmetterling, der sich entfalten und fliegen möchte. Das Dumme ist nur, dass wir oft in einem Larvenstadium verbleiben und uns nicht entpuppen. Worauf es ankäme, wissen wir: auf Wachstum im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe.
Jede Blume lehrt uns, dass wir Wachstum nicht erzwingen können. Wer an der Pflanze ziehen wollte, damit sie schneller blüht und Frucht bringt, würde sie entwurzeln. 
So ist es auch im Prozess der Christwerdung. Wie es die Rhythmen der Menschwerdung braucht, so braucht es auch die Rhythmen der Christwerdung.
Deshalb gehen wir doch auf das Fest der Gottesgeburt zu. In jedem von uns will Gott so zu Welt kommen wie in Jesus Christus.
Jeder Advent ist wie eine Schwangerschaft. Immer wieder gilt es neu anzufangen im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe und sich der göttlichen Herkunft zu erinnern.
Glauben ist ja keine Selbstverständlichkeit; es gibt immer mehr Menschen, die nicht glauben können und nicht glauben wollen. Auch Lieben ist in Wahrheit keine Selbstverständlichkeit; es gibt immer mehr Menschen, die beziehungslos allein bleiben oder nur einen Lebensabschnittspartner zulassen.
Deshalb betont Paulus so nachdrücklich, das Gott es ist, der den Glauben in uns wachsen läßt, die Hoffnung und die Liebe. Wir können wir Wachstum und ihr Ausreifen nicht erzwingen, aber: wir können wir Wachstum behindern. Jede Pflanze lehrt uns, dass sie richtige Umgebung und Pflege braucht. Erst recht jedes Kind, das heranwächst. Die Kinder lehren uns das Geheimnis der Bedürftigkeit und der Offenheit.
Indem wir uns öffnen für das Wirken Gottes, wächst der Glaube; je mehr wir uns von Gottes Liebe erwärmen und ermutigen lassen, desto mehr werden wir zu ihm hin wachsen, zu den nächsten und zu uns selbst. Gottes Beispiel wirkt wie ein Wachstumshormon - zum wahren, zum ganzen, zum heiligen Leben.
Dann legt sich ein neuer Wachstumsring um unser inneres Leben von Glauben, Hoffen und Lieben. Nullwachstum - das wäre wirklich fatal.
(Pater Gottfried Eigner, Pfarrer von St. Michael)

Pater Gottfried Eigner OSA, Pfarrer von St. Michael

Fürbitten

Wacht und betet allezeit, empfiehlt Jesus seinen Jüngern.
So kommen wir mit unseren Bitten zu ihm:

* wir beten um Frieden in der Welt.
Wir gedenken der Menschen, deren Sorgen größer sind als unsere, weil Hunger und Krieg ihr Leben bedrohen...


Christus, erbarme dich ... Christus, erbarme dich ...


* wir beten um den Mut zur Wahrheit für unsere Kirche.
Wir gedenken aller, die in ihr ein Amt haben und sich fragen müssen, was Gott heute den Menschen sagen will...


* wir beten für die Menschen in unserem Land, vor allem für jene, die verwirrt sind von den Angeboten und den Erwartungen, denen sie in diesen Tagen ausgesetzt sind...


* wir beten für die Menschen, deren Leben in dieser Welt sich dem Ende zuneigt; für jene, die schwer krank sind und für jene, die plötzlich aus allem herausgerissen werden...


Großer und unbegreiflicher Gott, auf dich richtet sich unsere Hoffnung, denn von dir kommt die Erlösung in dieser Zeit und in der Ewigkeit. Amen

Segensgebet

Gelobt seist du, Herr, Gott Israels, du besuchst und erlöst dein Volk.
Gelobst seist du, Herr, Jesus Christus, du kommst zu uns in unsere Welt der Finsternis und der Todesschatten, du Licht aus der Höhe.
Fülle unsere Herzen mit deinem Heiligen Geist. Nimm weg von uns, was dich hindert:
- Sorgen, die uns gefangen halten,
- Resignation, die uns lähmt.
Ermutige uns, dir den Weg zu bereiten in unsrem Leben und in unserer Welt.
Durch preisen wir den Vater im Heiligen Geist jetzt und in der Ewigkeit. Amen